Bahn-Industrie

Noch läuft es rund


Beispiel Bombardier: Wohin steuern die Schienenfahrzeugbauer?

Siegen. Am Kran baumelt eine wertvolle Fracht, festgehalten von vier kräftigen Metallhaken. Vorsichtig senkt Gerrit Blecher einen dicken schwarzen Radsatz samt schwerem Motor auf seinen Montageplatz ab. Der fette Brocken wird in eines der beiden Drehgestelle eingebaut, die eine nagelneue Elektrolok tragen sollen.

Drehgestelle sind das Fahrwerk von Zügen – ob Lokomotive, Waggon oder Straßenbahn. Die Drehgestelle entstehen hier bei Bombardier Transportation in Siegen in großer Zahl. Die Produktionsstätte des kanadischen Konzerns, der Züge für aller Herren Länder herstellt, ist darauf spezialisiert. Allein 2009 werden bis zu 3.500 Drehgestelle die Werkhallen verlassen. So viele wie nie. Krise? Bislang konnte sie die Fabrik nicht ausbremsen.

Neue Mitarbeiter eingestellt

Grund: 2008 war das bislang beste Jahr der deutschen BahnIndustrie. Die Auftragsbücher sind so gut gefüllt, dass die Branche noch immer mächtig unter Dampf steht. Sie hat 2008 beim Umsatz um flotte 20 Prozent zugelegt.

Auch für Bombardier, Weltmarktführer für Schienen-Technik, war 2008 ein Rekordjahr. Und: Die Signale stehen weiterhin auf Grün. Regionalzüge für Australien, U-Bahnen für Neu-Delhi oder Doppelstockwagen für die Deutsche Bahn – die Siegener haben alle Hände voll zu tun, um dafür Drehgestelle zu produzieren.

So viel, dass auch Gerrit Blecher einspringen musste, als Zeitarbeitnehmer in der Montage. Während andere Betriebe Kurzarbeit fahren, heuerte Bombardier Anfang des Jahres zusätzliche Leute wie Blecher an. Und stockte auch die Stammbelegschaft auf, betont der Betriebsratsvorsitzende Ulrich Krombach: „Außerdem bilden wir künftig noch mehr aus, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen.“

Denn die robuste und zugleich sensible Technik braucht gut ausgebildete Arbeitskräfte. Im Drehgestell sind Motor, Bremsen, Räder und Federung verankert. Kurzum alles, um zu fahren, zu beschleunigen und zu bremsen. Dabei darf der Komfort nicht auf der Strecke bleiben. Die Fahrgäste wollen auch auf alten Schienen nicht durchgeschüttelt werden.

60 Projekte laufen gleichzeitig

„Es gibt kein einheitliches Drehgestell für den weltweiten Einsatz“, erklärt General Ma­nager Dirk Reuters, Standortleiter bei Bombardier in Siegen. Egal ob Lok, Großraumwagen, Speisewagen oder Anhänger für den Güterverkehr.

Sie alle rollen auf unterschiedlichen Drehgestellen. Zudem gilt es, auch Ausstattung der Züge sowie Klimabedingungen und Besonderheiten der Strecken zu berücksichtigen. „Bei uns laufen 60 Projekte parallel. Eine Herausforderung.“

Noch sind die Bücher voll, aber wie lange noch? Die Bahnbetreiber haben schon einige Ausschreibungen an die Industrie verschoben. Andererseits will die Bundesregierung im Rahmen ihres Konjunkturprogramms  bis 2011 insgesamt 1,3 Milliarden Euro in Schienen-Infrastruktur und innovative Bahntechnik stecken. Und die Deutsche Bahn investiert jährlich rund 1 Milliarde Euro in neue Fahrzeuge.

Nur wer kommt zum Zuge? Neben Bombardier gibt es noch zwei weitere bedeutende Produzenten: Siemens und die französische Alstom. Reuters: „In diesem Jahr kämpfen wir noch härter um jeden Auftrag.“

Info: Bombardier

Das Werk in Siegen ist Teil des kanadischen Konzerns Bombardier Inc. Es hat sich auf die Entwicklung und Produktion von Drehgestellen spezialisiert. Die rollen unter Zügen in mehr als 100 Ländern. Die Siegener Fabrik beschäftigt rund 700 Mitarbeiter und 40 Auszubildende. 2008 setzte sie mehr als 300 Millionen Euro um.

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Schlagwörter: Verkehr Ausbildung

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