Eine Klarstellung

Niedriglöhne sind natürlich nicht gut! Sie sind lediglich besser als gar nichts!

Herausgeber Ulrich Brodersen

Zu kaum einem an dieser Stelle behandelten Thema kommt aus der Leserschaft so heftiger Gegenwind wie zum Niedrig- und Mindestlohn. Offenbar setzt sich, wer für den bestehenden Niedriglohnsektor und gegen das Einführen eines gesetzlichen Mindestlohns plädiert, einem eigenartigen Missverständnis aus: Er wolle, dass viele Arbeitnehmer denkbar knapp gehalten würden.

Von daher zunächst ein Bekenntnis: Wir sind dafür, dass möglichst viele Menschen möglichst viel verdienen!

Konkret und realistisch: so viel, wie es die Wertschöpfung am jeweiligen Arbeitsplatz hergibt und wie es die dahinterliegende Produkt-Nachfrage der Kunden zulässt. Auch deshalb halten wir eine hohe Produktivität und einen hohen Beschäftigungsstand für wünschenswert: Schließlich steigen die Verdienstchancen mit der Wertschöpfung je Arbeitsstunde und mit der Knappheit der Arbeitskräfte.

Zugleich aber halten wir niedrig bezahlte Arbeit für besser als keine. Und nehmen mit Bedauern zur Kenntnis, dass es zumindest auf Anhieb oftmals keine dritte bessere Alternative gibt – insbesondere für gering qualifizierte Arbeitskräfte und für Langzeitarbeitslose. Positiv darf registriert werden, dass in den letzten Jahren viele Arbeitslose und Nichterwerbstätige – zunächst über einen Niedriglohnjob – in den Arbeitsmarkt integriert werden konnten.

Gegen einen gesetzlichen Mindestlohn sind wir, weil wir es für sinnvoll erachten, auch Arbeitsplätze mit nur geringer Wertschöpfung vorzuhalten. Für dieses Urteil gibt es gute Gründe sowohl aus gesamtwirtschaftlicher als auch aus individueller Perspektive.

Gesamtwirtschaftlich ist es besser, einen geringen Arbeitslohn mit Sozialleistungen aufzustocken, als die Arbeit ungetan zu lassen und einen Arbeitslosen mehr komplett von den Sozialbeitrags- und Steuerzahlern alimentieren zu lassen. Für den Einzelnen ist es besser, wenn er sich nützlich machen kann, wenn er beruflich gesehen zumindest einen Fuß in der Tür behält und wenn seine sozialen Kompetenzen nicht verkümmern. Immerhin schafft es Umfragen zufolge pro Jahr jeder vierte Niedriglöhner, aber nur jeder achte Arbeitslose, in ein Normallohnverhältnis aufzusteigen.

Wer einen gesetzlichen Mindestlohn befürworten will, muss entweder dies alles ignorieren. Oder bestreiten, dass ein Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet: also die ökonomische Gesetzmäßigkeit verleugnen, wonach auf Dauer nur solche Stellen angeboten werden, die sich für den Betrieb rechnen. 


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