Therapie-Durchbruch

Neues Mittel gegen Leukämie kommt von Roche aus Penzberg

Penzberg. Enorme Müdigkeit, Füße wie Blei: Günter Schmidt merkte im Jahr 2010, dass etwas nicht stimmt. Die Diagnose lautete wenig später: chronische lymphatische Leukämie (CLL). „Blutkrebs – das klang für mich wie der Tod“, sagt Schmidt, der seinen wirklichen Namen nicht nennen möchte.

Heute ist er wieder fit, fährt jeden Tag Rad. Zu verdanken hat der schon 80-Jährige seine Genesung dem neuen Blutkrebs-Medikament Gazyvaro vom Pharmakonzern Roche. Schmidt nahm wie 780 andere ältere Teilnehmer an einer Studie der Universitätsklinik Köln teil, die das Medikament mit dem Wirkstoff Obinutuzumab erprobte.

Mittlerweile ist die Innovation in den USA und seit wenigen Wochen auch in der Europäischen Union zugelassen. Experten sprechen von einem Durchbruch in der Behandlung von Blutkrebs.

Etwa 30 Prozent aller Leukämie-Patienten leiden an CLL. Sie ist damit die häufigste Leukämie-Variante in Europa und Nordamerika. Die Krankheit tritt nur bei Erwachsenen und vor allem bei älteren Menschen auf. Allein in Deutschland erkranken daran pro Jahr gut 3.800 Männer und Frauen.

Der Clou des neuen Mittels ist die Kombination des Wirkstoffs, einem Antikörper, mit einer schwachen Chemotherapie. „Die Ergebnisse sind beeindruckend“, sagt Professor Michael Hallek, Direktor der Klinik I für innere Medizin in Köln. Das Risiko, dass die Erkrankung fortschreitet und zum Tod führt, konnte um 82 Prozent gesenkt werden – verglichen mit einer Chemotherapie allein.

Zehn Jahre lang forschte ein internationales Expertenteam an dem Antikörper. Entwickelt wurde er am Biotechnologie-Zentrum von Roche im bayerischen Penzberg. Dort wird er jetzt auch für den weltweiten Markt hergestellt.

Der neue Wirkstoff tötet Krebszellen ab

„Antikörper produziert jeder Körper, um sich gegen Krankheitserreger zu wehren“, erklärt Forschungsleiter Ralf Schumacher die Therapieform. Sie erkennen schadhafte Moleküle und markieren sie für die Immunabwehr.

Das Geheimnis des neuen Antikörpers ist seine spezielle Konstruktion: „Er animiert das Immunsystem des CLL-Patienten verstärkt zum Angriff auf Krebszellen“, so Schumacher. „Er kann den Zelltod sogar direkt auslösen.“

Hergestellt werden die y-förmigen Moleküle aus Zellkulturen in großen, blitzblanken Labors. Mitarbeiter laufen in Schutzanzügen umher, kontrollieren den Prozess, notieren Werte und nehmen an den Geräten Einstellungen vor.

„Wir optimieren die Qualität der Antikörper, indem wir diese über mehrere Stufen nach Plan isolieren und reinigen“, erklärt Entwicklungsleiter Wolfgang Kuhne. Allein die Erarbeitung dieses Hightech-Prozesses nahm acht Jahre in Anspruch. „Am Ende gewinnen wir aus gut 10.000 Litern Zellkultur etwa 30 Kilogramm Wirkstoff.“

Trotz des Erfolgs bleibt es ein weiter Weg bis zur vollständigen Heilung. Häufig bricht die Krankheit wieder aus. „Unser vorrangiges Ziel muss es sein, die Lebenserwartung und -qualität der Betroffenen zu erhöhen“, sagt Professor Hallek. Das erreiche man mit Gazyvaro.

Zuversichtlich verweist er zudem auf die Fortschritte der Medizin: Vor zehn Jahren noch habe es innovative Medikamente wie dieses nicht gegeben. Oftmals kam es auch zu Nebenwirkungen. „Heute haben wir viele Effekte unter Kontrolle“, sagt Hallek.


Fakten

Blick von oben: Das Biotech-Zentrum liegt südlich von München. Foto: Werk
Blick von oben: Das Biotech-Zentrum liegt südlich von München. Foto: Werk

Roche in Penzberg

  • Das Werk in Oberbayern zählt zu den führenden biotechnologischen Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionszentren der Welt.
  • 5.200 Mitarbeiter entwickeln hier Technologien, Produktionsverfahren, Therapien, Medikamente und Diagnostika.
  • Pro Jahr werden mehr als 150 Projekte bearbeitet.
  • Allein in Penzberg hat Roche seit 1998 rund 2 Milliarden Euro investiert; deutschlandweit 4,2 Milliarden Euro.

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