Pharma

Neues Gesetz bremst Wirkstoffe aus


Hersteller dürfen Preise nicht mehr selbst festlegen

 

 

Köln. Für die Patienten ist es selbstverständlich: Die Pharma-Unternehmen forschen, und wir bekommen innovative Medikamente. Damit könnte in Deutschland bald Schluss sein. Ein neues Gesetz bremst die Einführung neuer Wirkstoffe.

 

 

 

Bis vor einem Jahr konnten Pharma-Hersteller in Deutschland für neu zugelassene Medikamente selbst einen Preis festlegen. Doch seit Anfang 2011 prüft eine Art Arzneimittel-TÜV erst den zusätzlichen Nutzen, den Patienten von dem Mittel haben.

 

 

 

Vom Ergebnis hängt ab, wie viel die Kassen für das Medikament erstatten. Einen solchen Eingriff in die Preisbildung gab es noch nie. Doch was soll das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes – kurz: Amnog – bringen?

 

 

 

Sterblichkeit muss um 50 Prozent sinken

 

 

 

Zunächst einmal Einsparungen von 1,6 Milliarden Euro im Jahr für das Gesundheitswesen. Darüber hinaus soll die Forschungsarbeit in der Branche beeinflusst werden. „Das Gesetz ist dazu geeignet, Forschung in die richtige Richtung zu lenken“, erklärt Jürgen Windeler. Er ist der Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln, das die Bewertungen durchführt.

 

 

 

 

 

 

 

Windeler möchte, dass die Unternehmen sich „stärker auf echte Innovationen konzentrieren“. Was das bedeutet, erlebt gerade die deutsche Tochter des britischen Pharma-Unternehmens AstraZeneca in Wedel.

 

 

 

Mit ihrem neuen Herzinfarkt-Präventionsmittel Brilique haben die Schleswig-Holsteiner den Hürdenlauf durch die Instanzen angetreten – als Pioniere. Im Vergleich mit etablierten Therapien bescheinigten die Prüfer dem Medikament einen „beträchtlichen“ Zusatznutzen.

 

 

 

Klingt gut, bedeutet im „Amnog-Code“ jedoch nur Mittelmaß – eine Spitzen-Klassifikation wäre „erheblich“. Und die vergeben die Prüfer nur, wenn zum Beispiel eine Verringerung der Sterblichkeit um 50 Prozent erreicht wird.

 

 

 

Die klinische Studie von AstraZeneca zeigt: Behandelt man 1.000 Herzinfarktpatienten mit dem neuen Wirkstoff, ereignen sich 11 Todesfälle weniger als beim bisherigen Präparat. Die Quote für die Bestnote wurde nicht erreicht. Der Hersteller wird das bei der Preisfestsetzung spüren. Dabei waren Kosten und Aufwand enorm: Es wurden 18.600 Patienten getestet.

 

 

 

Unternehmen ziehen bereits Konsequenzen

 

 

 

„Die Größe der Studie ist beeindruckend“, bestätigt Javier Latorre, Pharma-Analyst bei Allianz Global Investors in Frankfurt. Die Zahl der untersuchten Patienten entspreche „einer Kleinstadt“.

 

 

 

Doch die Hersteller gehen noch ein weiteres Risiko ein. Sie wissen zu Beginn der Studie nicht, mit welchen Wirkstoffen ihr Mittel im Testverfahren verglichen wird.

 

 

 

Können die Hersteller unter diesen Bedingungen die Kosten für die Entwicklung innovativer Medikamente überhaupt noch einspielen? „Amnog stellt für die Pharma-Unternehmen eine starke Bedrohung dar“, stellt Gesundheits-Analyst Marcus Wieprecht von der Investment-Bank Main First in Frankfurt fest.

 

 

 

Die Hersteller ziehen deshalb erste Konsequenzen und machen einen Bogen um den deutschen Markt. So nahm Novartis im September seinen neuen Blutdrucksenker Rasilamlo aus den Regalen. Boehringer Ingelheim und Lilly wollen ihr gemeinsam entwickeltes Anti-Diabetikum Trajenta bei uns gar nicht erst einführen: Ihrer Meinung nach sei keinerlei Bereitschaft erkennbar, Preise für medizinische Innovationen angemessen zu gestalten.

 

 

 

Ärzte sehen die Entwicklung mit Sorge

 

 

 

Vielmehr wolle man die Preise „sogar noch unter dem europäischen Durchschnittspreis festlegen“, so Engelbert Günster, Landesleiter Deutschland von Boehringer Ingelheim. Als Nächstes steht die Einführung eines neuen Mittels gegen Hautkrebs vom Schweizer Pharma-Konzern Roche an. Ob Zelboraf bei uns auf den Markt kommt, wird mit Spannung erwartet.

 

 

 

Diese Entwicklung bereitet Ärzten Sorgen. Internist Christof Rheinert aus Merzig (Saarland): „In typisch deutscher Manier werden hier innovative Neueinführungen durch monströse Bürokratie-Mechanismen behindert!“

 

 

 

Info: Was regelt das Gesetz?

 

 

Das am 1. Januar 2011 in Kraft getretene Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (Amnog) regelt die Preisbildung für neu zugelassene Arzneimittel. Und damit ihre Erstattungsfähigkeit durch die Krankenversicherung. Pharma-Unternehmen müssen ein Dossier zum zusätzlichen Nutzen des Präparats beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-Ba) einreichen. Das ist ein Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern. Der G-Ba oder das von ihm beauftragte Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) bewertet das Material. Von diesen Ergebnissen hängt ab, in welcher Höhe das Arzneimittel erstattet wird.

 

 

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang