Hier tut sich was

Neue Technologien: So gewinnt Bayern die Zukunft

München. „Technologietransfer“ – das ist ein Schlüsselwort, wenn es um unsere Aussichten für Wohlstand und Arbeitsplätze geht. Dass sich „ursprünglich fremde Bereiche“ gegenseitig mit Wissen befruchten, zu neuen Formen der Zusammenarbeit finden, hat für die Zukunft unseres Landes als Innovationsmotor „maßgebliche Bedeutung“. So steht es in den Handlungsempfehlungen des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft, kürzlich vorgelegt auf dem großen Kongress „Was Bayern morgen braucht“.

Dass dies keine abstrakte Vision ist, wurde schon wenige Tage später deutlich. Staatsministerin Ilse Aigner und TU-München-Präsident Wolfgang Herrmann, beide Zukunftsrat-Mitglieder, eröffneten das seit längerem geplante „Zentrum für Digitalisierung.Bayern“. Es soll die Kompetenzen von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Industrieunternehmen und aufstrebenden Jungunternehmern bündeln. 200 Millionen Euro investiert der Freistaat dafür – in eine Steuerungseinheit in Garching bei München und 20 Professuren und Forscherteams, die über den Freistaat verteilt sind. Ein Beispiel, das zeigt: Es tut sich was in Sachen Innovation.

Eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft

„Wir müssen die Grenzen überwinden“, bekräftigt Alfred Gaffal im Interview mit AKTIV in Bayern das zentrale Anliegen des Zukunftsrats. Als Präsident der Bayerischen Wirtschaft hatte er das Gremium 2014 ins Leben gerufen. Um Wissenschaft und Wirtschaft besser zu vernetzen, aber auch als Signal an die Politik: Die Experten skizzieren in ihren Handlungsempfehlungen auch, wie der Staat die Digitalisierung des Bildungssystems vorantreiben, den Gründergeist fördern und die Rahmenbedingungen für Innovationen gestalten soll.

Man werde das alles „mehr als eins zu eins“ umsetzen, würdigte Ministerpräsident Horst Seehofer die Vorschläge – und damit den Zukunftsrat als neuen wichtigen Impulsgeber im Freistaat. In die anstehende Neuordnung der Technologieförderung soll die Expertise bereits einfließen. Gestützt auf eine große Leitstudie hat der Zukunftsrat zehn zentrale Technologiefelder für Bayern identifiziert, von intelligenten Verkehrssystemen über neue Werkstoffe und Materialien bis zu Luft- und Raumfahrt.

Zugleich weisen die Experten darauf hin: „Die traditionellen Grenzen zwischen einzelnen Branchen und Technologiefeldern lösen sich zunehmend auf.“ Eben deshalb sind Technologietransfer und Kooperation das Gebot der Stunde. Für beides gibt es in Bayerns größtem Industriezweig Metall und Elektro viele konkrete Beispiele – zwei davon stellen wir unten auf dieser Doppelseite vor.

Oft haben neue Technologien ihren Ursprung in neu gegründeten Unternehmen. „Daher muss der seit Jahren rückläufige Trend im deutschen Gründungsgeschehen gedreht werden“, betont der Zukunftsrat. Es sei wichtig, der „Angst vor dem Stigma des Scheiterns“ entgegenzuwirken: „Nur eine breite Unternehmer- und Gründungskampagne kann zu einer Bewusstseinsänderung führen.“ Immerhin bietet Bayern ein vergleichsweise „fruchtbares“ Umfeld: Nach einer Erhebung des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn erfolgten allein im vergangenen Jahr 48.400 gewerbliche Existenzgründungen im Freistaat. Das waren 15,6 Prozent aller Neugründungen in Deutschland.

Der Zukunftsrat empfiehlt, innovative Neugründungen stärker in Forschungsverbünde einzubeziehen. Das ist ein Geben und Nehmen, stellt Zukunftsratsmitglied Professor Hans-Jörg Bullinger klar – er ist langjähriger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und inzwischen dort Mitglied des Senats. „Start-ups“, so Bullinger, „brauchen ihrerseits das Zusammenspiel mit etablierten Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie eine gezielte Förderung durch den Staat. In dieser Hinsicht hat Bayern für den Weg, der jetzt vor uns liegt, eine gute Ausgangsposition.“

Man müsse für neue Technologien „Begeisterung entfachen“, betont der Zukunftsrat in seinen Handlungsempfehlungen. Und „Anwender von Anfang an mitnehmen“. Die öffentliche Meinung sei wichtig bei der Verbreitung und dem wirtschaftlichen Erfolg von Innovationen. Aber die Experten sind auch hier guten Mutes: Der Internet- und der Smartphone-Boom seien Beispiele dafür, „wie neue Technologien auch in der Breite positiv aufgenommen werden“.


So wächst Industrie 4.0

Digitaler Helfer: Der Bildschirm an der Werkbank hat alle Infos. Foto: Werk
Digitaler Helfer: Der Bildschirm an der Werkbank hat alle Infos. Foto: Werk

Die Maschinenfabrik Reinhausen bietet anderen Unternehmen ganz konkrete Hilfe

Regensburg. Viele Varianten, kleine Stückzahlen, dazu extrem kurze Lieferzeit und Top-Qualität? Die Produktion in so viele Richtungen zugleich optimieren – das geht nur mit digitaler Technik. Wie bei der Maschinenfabrik Reinhausen (MR) in Regensburg. Der Hersteller von Stufenschaltern für Transformatoren nahm das Thema Digitalisierung selbst in die Hand und entwickelte eine IT-Steuerung, die die Fertigung flexibler macht. Das ermöglicht kürzere Durchlaufzeiten und höhere Produktivität.

Und der Clou: Inzwischen verkaufen die Oberpfälzer ihr für den Eigenbedarf entwickeltes System auch an andere Unternehmen. Die können damit zerspanende Arbeitsgänge (wie zum Beispiel Drehen und Fräsen) ebenfalls digital steuern. Ein handfestes Beispiel von Technologietransfer. 13 Betriebe nutzen schon das System, darunter der Autozulieferer Stangl Präzisionstechnik in Roding im Bayerischen Wald.

Mensch, Maschinen und Anlagen werden so miteinander vernetzt, dass die Fabrik schnell auf neue Anforderungen reagieren kann. Sobald in der Produktionsplanung der Auftrag für ein bestimmtes Werkstück gestartet wird, wird die Software aktiviert. Von da an steuert sie den kompletten Durchlauf durch die Fertigung bis hin zum fertigen Werkstück.

„Nirgends müssen mehr Daten von Hand eingegeben werden“, berichtet Johann Hofmann, Leiter Value Factoring bei MR. „Niemand macht sich hier noch Gedanken, welches Werkzeug er für welchen Arbeitsgang braucht. Man liest es einfach vom Bildschirm an der Werkbank ab.“

Ein Dolmetscher für das Sprachengewirr

Der digitale Helfer dirigiert den Einsatz von Werkzeugen sowie Span- und Prüfmitteln und schleust das Werkstück samt der notwendigen Daten durch die Fertigung. Am Bildschirm haben alle die Arbeitsschritte im Blick: vom Lageristen über den Werkzeug-Einrichter bis zum Meister und zu den Mitarbeitern an den Maschinen.

„Früher herrschte zwischen all den Maschinen und Anlagen ein babylonisches Sprachengewirr“, erklärt Hofmann. „Wir haben jetzt den Dolmetscher.“ Hofmann erwartet noch mehr Nachahmer für diese Innovation. „Der Druck auf Firmen, solche Industrie-4.0-Lösungen einzusetzen, wächst.“ Die von der MR entwickelte intelligente Lösung „schafft die Basis für Industrie 4.0“.

So fliegen wir morgen

Forschung an Bio-Kerosin: So wird das im Bau befindliche „Algentechnikum“ aussehen. Illustration: Werk
Forschung an Bio-Kerosin: So wird das im Bau befindliche „Algentechnikum“ aussehen. Illustration: Werk

Auf dem Ludwig-Bölkow-Campus forschen etablierte Firmen gemeinsam mit Start-ups und Wissenschaftsbetrieben

Ottobrunn/Taufkirchen. Flugzeuge, die mit Sprit aus Mikroalgen fliegen! Hybride und sogar vollelektrische Antriebssysteme für die Luftfahrt! Luftgestützte Systeme für die zivile Sicherheit! Auf dem neuen Ludwig-Bölkow-Campus wird konkret an solchen Visionen gearbeitet.

Das nach eigener Einschätzung wohl einzigartige Innovationsprojekt für Luft- und Raumfahrt sowie Sicherheit entsteht auf einem Gelände des Flugzeugbauers Airbus Group. Der Campus erstreckt sich auf die Gemeinden Ottobrunn und Taufkirchen (bei München).

Politik, Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten eng zusammen: Airbus Group, Siemens und die Firma IABG Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft sind Konsortialpartner, verschiedene Hochschulen sind dabei. Die Staatsregierung unterstützt das Projekt mit Zuwendungen für innovative Forschungsprojekte und wissenschaftliche Ausstattung.

100 Millionen Euro werden investiert. 60 Millionen davon zahlt die Airbus Group, die an dem Standort mehr als 2.000 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 300 Entwicklungsingenieure. Es ist ein Paradebeispiel für die übergreifende Zusammenarbeit von etablierten Firmen, Wissenschaft und Start-ups; die Ausgründung von Unternehmen aus dem Wissenschaftsbetrieb ist ein ausdrückliches Ziel.

Was ist machbar? Und was verkauft sich?

Wie futuristisch das Projekt ist, zeigt sich etwa an der Komponente „Algentechnikum“. In dem Neubau, einem riesigen Gewächshaus, sollen von Oktober dieses Jahres an Algensorten auf ihre Eignung für die Umwandlung in Flugkerosin getestet werden. Es geht darum, welche Bedingungen für das Wachstum ideal sind – und wie man eine wirtschaftlich sinnvolle Produktion im industriellen Maßstab aufziehen kann. Die Glasstruktur ist notwendig, weil für das Algenwachstum außer CO2 und Wasser vor allem Sonnenlicht entscheidend ist.

Neben der TU München machen im Algentechnikum unter anderem die Biotech-Firma Conys, Airbus, die Chemie-Firma Clariant sowie das Bauhaus Luftfahrt mit. Technisch ist das Fliegen mit Algenkerosin kein Problem; es gab schon einen Testflug. Nicht mal die Triebwerke müssen verändert werden.

Mehr zum Thema Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft:

Digitalisierung und Globalisierung verändern Geschäftsmodelle und Gesellschaft rasant. Damit Bayern ein Wirtschafts- und Technologiestandort ersten Ranges bleibt, wurde der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft gegründet.

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