Schlaue Systeme verringern Engpässe auf überlasteten Autobahnen

Neue Technik gegen den Stau

München. Auf 830.000 Kilometer addierten sich 2013 bundesweit die gemeldeten Autobahnstaus. „Die Zahl steigt Jahr für Jahr – und das ist nicht nur eine schlechte Nachricht“, sagt Thilo Jourdan, Leiter des Bereichs Straßenverkehrstechnik bei Siemens. Wie bitte? Er erklärt: „Je mehr Verkehr, desto mehr und präzisere Daten erhalten wir.“

Und die sind schon Teil der Lösung. Denn der Elektrotechnik-Ingenieur baut mit seinem Team, im Auftrag der Autobahndirektionen, Lösungen gegen den Stillstand:

Verkehrsinformation

„Als Basis statten wir immer mehr Streckenabschnitte mit Induktionsschleifen aus“, berichtet Jourdan. „Sie erfassen jedes Fahrzeug – und erkennen, ob es sich um Auto oder Lastwagen handelt.“ Alternativ wird die Verkehrsdichte an manchen Stellen mit Radar-, Laser- oder Kameratechnik gemessen. Die Daten gehen rund um die Uhr an eine der 23 Verkehrsleitzentralen entlang der Autobahnen, die Siemens eingerichtet hat.

Verkehrsbeeinflussung

Auf Grundlage der Daten werden die veränderbaren Verkehrszeichen an den Schilderbrücken über der Autobahn gesteuert – und die werden immer raffinierter programmiert. „Dass bei mehr Verkehr das Tempolimit verringert wird und bei Bedarf das Überholverbot erscheint, läuft größtenteils automatisch ab“, sagt Jourdan. „Je nach Datenlage wird eines der Muster aufgerufen, die unsere Verkehrsplaner entwickelt haben, etwa für die Rushhour.“

Der Operator in der Leitzentrale sieht auf dem Monitor, ob die Anzeige der Schilder den Einstellungen entspricht. Er kann natürlich jederzeit eingreifen, die Schilder ändern und den Seitenstreifen als Fahrspur freigeben.

Was diese Technik bringen kann, erklärt der Experte an einem Beispiel. „Im vergangenen Jahr ging das Siemens-System am Autobahn-Ring um München in Betrieb. Die dortige Autobahndirektion Süd hat uns attestiert, dass dies den Verkehrsfluss um 30 Prozent verbessert hat.“ Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange: In einigen Monaten will Siemens auf dieser Strecke die Einfahrt in einen Tunnel noch strikter regulieren: „Ampeln allein reichen nicht“, erklärt Jourdan, „denn der eine oder andere Fahrer neigt dazu, das Rot zu ignorieren, wenn der Tunnel aus seiner Sicht frei ist.“ Deshalb werden hier künftig zusätzlich Schranken installiert.

Lkw-Parkplatzsuche

Den Weg aus dem Entwicklungslabor in die Wirklichkeit nimmt zurzeit ein Projekt, das Jourdan als „eines der spannendsten“ seines Teams bezeichnet. Auf der A 9 (Leipzig–München) werden 22 Rast- und Parkplätze mit einem elektronischen Reservierungssystem ausgestattet. Es soll Lkw-Fahrern die Suche nach einem Stellplatz erleichtern. „Beim Einfahren in den Parkplatz vermessen ein Bodensensor und ein Laser jeden Lastwagen“, sagt Jourdan. „Die von dem Fahrzeug beanspruchte Fläche wird einer zentralen Verteilstelle als gesperrt gemeldet und erst wieder freigegeben, wenn der Truck ausfährt.“

Die Hersteller von Navigationssystemen und Smartphone-Apps sollen diese Informationen den Lkw-Fahrern übermitteln. Wenn ein Brummi-Fahrer merkt, dass demnächst seine gesetzlich limitierte Lenkzeit abläuft, kann er sich über das System über verfügbare Parkplätze informieren und seine Ruhezeit planen. „Weil dadurch die Sicherheit steigt, werden auch Staus verhindert“, ist Jourdan überzeugt. Der Testbetrieb auf den drei ersten Anlagen beginnt im Sommer.

Vernetzung

Einen weiteren Durchbruch für die Mobilität erwartet Jourdan durch die Kommunikation von Autos untereinander und mit dem Straßennetz. Manches ist schon heute erhältlich – wie die radargeführte Abstandsautomatik zum Vordermann. „In etwa 15 Jahren werden die meisten Fahrzeuge mit der entsprechenden Technik ausgestattet sein“, prophezeit der Experte. „Dann setze ich mich in den Wagen und klinke mich einfach in die Kolonne ein.“ Das Reisetempo werden die Autofahrer dann zwar immer seltener selbst beeinflussen können. Aber sie stehen viel weniger im Stau.


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