Bezahlung

Neue Regeln fürs Entgelt


Die Textil- und Modebranche tüftelt an einem zukunftsfähigen System

Es ist ein dickes Brett, an dem die Arbeitgeber und die Gewerkschaft bohren: Schon seit einigen Jahren wird über ein völlig neues Entgelt-System nachgedacht. Jetzt zeichnet sich ab, wohin die Reise gehen soll – und AKTIV sprach darüber mit Oskar Vogel. Als Vize-Chef des Gesamtverbandes textil+mode kümmert er sich unter anderem um die Tarifpolitik.

AKTIV: Was soll sich ändern – und warum?

Vogel: Bisher verdienen Arbeiter Lohn, Angestellte verdienen Gehalt – mit jeweils eigenen Tarif-Tabellen. Diese historisch gewachsene Einteilung der Mitarbeiter in zwei Klassen ist überholt, wir wollen sie jetzt beseitigen.

AKTIV: Also ein System für alle Mitarbeiter?

Vogel: Genau. Die chemische Industrie hat so etwas übrigens schon längst. Und bei den Metallern läuft ja gerade die Umstellung. Dort lautet das Stichwort – wie bei uns – „Entgeltrahmenabkommen“ oder kurz „ERA“.

AKTIV: Was ändert sich denn inhaltlich, wenn ERA kommt?

Vogel: Ziel ist es, mehr Transparenz zu schaffen – durch ein flexibles System, das einer sich ändernden Arbeitswelt gerecht bleiben kann. Das alte Zwei-Klassen-Schema ist an einigen Stellen überholt, denn es spiegelt die teilweise völlig veränderten Berufsbilder nicht wirklich wider. Jetzt kommt ein komplett neues System. Der zentrale Punkt: Jeder soll danach bezahlt werden, was er leistet. Und nicht danach, was er formell darstellt.

AKTIV: Zugespitzt heißt das: Ein Ingenieur und ein Hilfsarbeiter an der gleichen Maschine bekommen die gleiche Bezahlung?

Vogel: Ja – wenn sie tatsächlich die gleichen Aufgaben haben. Gleiche Arbeit soll gleich bezahlt werden.

AKTIV: Dann gibt es künftig auch keine „Sitzfleisch-Prämien“ mehr?

Vogel: Diesen Begriff würde ich nicht verwenden. Aber tatsächlich werden in einigen unserer Tarifwerke Angestellte nur deswegen besser bezahlt als ihre Kollegen, weil sie älter werden. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß – denken Sie nur an das Antidiskriminierungsgesetz!

AKTIV: Nach welchen Kriterien soll sich denn die Einstufung in die neuen, einheitlichen Gehaltsgruppen richten?

Vogel: Die gesamte Arbeitsaufgabe wird bewertet – mit Punkten, die man in verschiedenen Bereichen sammeln kann. Mindestens vier dürfte es da geben. Erstens: Kenntnisse und die Fertigkeiten – auch die Berufserfahrung kann hier eine Rolle spielen. Zweitens: Kommunikation und Zusammenarbeit – welche Bedeutung hat die Abstimmung mit den Kollegen? Drittens gibt es Punkte für eine fachliche oder disziplinarische Führungsfunktion. Und viertens für Verantwortung, Selbstständigkeit und Handlungsspielraum – wer nur streng weisungsgebunden arbeitet, der wird hier kaum  Punkte bekommen.

AKTIV: Und am Ende werden alle Punkte zusammengezählt?

Vogel: Ja. Und damit ist ERA zukunftsfähig: Völlig neue Arbeitsaufgaben, die heute noch gar keiner kennt, können ebenfalls nach diesen Kriterien eingestuft werden.

AKTIV: Hört sich einfach an ...

Vogel: ... ist im Detail aber knifflig. Wie die Arbeitsplatz-Bewertung genau ablaufen soll, dazu gibt es verschiedene Vorschläge. Die rein formale Qualifikation verliert jedenfalls an Gewicht. Und jeder muss wissen: die neue Einstufung eines Jobs kann nach oben wie auch nach unten von der bisherigen Bezahlung abweichen.

AKTIV: Einige bekommen dann mehr – und andere weniger?

Vogel:Moment. Keiner bekommt nach der Umstellung weniger als vorher! Es soll einen Besitzstandsschutz geben, ähnlich wie bei den Metallern. Wer aber laut ERA-Ergebnis heute eigentlich zu hoch bezahlt wird, der dürfte bei den Lohnerhöhungen der kommenden Jahre Abstriche hinnehmen müssen. Das wird dann also nach und nach behutsam korrigiert.

AKTIV: So etwas erhöht ja nicht unbedingt die Motivation.

Vogel: Man kann es auch anders sehen. Die unbequeme Wahrheit, die ERA für Einzelne aussprechen wird, ist für manche vielleicht auch ein Anstoß, sich fortzuentwickeln.

AKTIV: Noch mal zum Geld: Es bekommt also niemand sofort weniger, aber einige werden sofort besser bezahlt? Das wird die Betriebe kaum freuen.

Vogel: Deswegen gibt es noch eine Vorgabe: Die Lohnkosten in jedem einzelnen Betrieb müssen in etwa gleich bleiben. ERA darf kein Kostentreiber werden – das sieht die Gewerkschaft auch ein.

AKTIV: Ist das nicht die Quadratur des Kreises?

Vogel: Wir müssen rechnen, rechnen, rechnen. Und über viele Fragen müssen wir noch ausführlich diskutieren. Allein in unserer ERA-Projektgruppe sind ja 27 ganz verschiedene Unternehmen engagiert – große und kleine sind dabei, Textiler und Bekleider.

AKTIV: Wie sieht denn der Zeitplan für die Umstellung aus?

Vogel: ERA könnte im ersten Halbjahr 2011 unterschriftsreif sein. Das ist aber ein ehrgeiziges Ziel. Und danach beginnt dann erst noch die Umsetzung in den regionalen Tarifbezirken. Es liegt viel Arbeit vor uns – aber klar ist: Beide Seiten, Arbeitgeber und Gewerkschaft, wollen ERA.

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