Lohnpolitik

Neue Harmonie, neue Chancen


Berthold Huber und Oliver Burkhard von der IG Metall, Arbeitgeber-Vertreter Horst-Werner Maier-Hunke und Martin Kannegiesser (von links).

Der Tarifabschluss der Metall- und Elektro-Industrie ist wegweisend für ganz Deutschland

Düsseldorf. Noch um 5 Uhr früh sagt Berthold Huber mit genervter Stimme: „Es hat sich verhakt.“ Quittiert mit strafendem Blick das Blitzlicht­gewitter in der Lobby des ­Düsseldorfer Radisson Blu, entschwindet durch die Drehtür. Doch knapp eine Stunde später kehrt er wie ausgewechselt zurück. Entspannt gesellt er sich zu den Journalisten. Er sagt: „Es sieht gut aus.“

In dieser einen Stunde hat Deutschland Tarif-Geschichte geschrieben. Und sich als Industriestandort gestärkt. Die von Huber geführte IG Metall, vertreten durch die Spitzenleute des Bezirks Nordrhein-Westfalen, hat mit den Arbeitgebern einen großen Wurf hinbekommen.

„Das hat es so noch nie gegeben“, sagt wenig später Martin Kannegiesser, der Präsident des Arbeitgeber-Dachverbands Gesamtmetall. Und lobt die „neue Vertrauensbasis zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften, Betriebsräten und Belegschaften“. Zuvor haben Mitarbeiter der Verhandlungsstäbe einmütig die Stellwände mit den Logos dicht aneinandergerückt. Dann ­posieren Kannegiesser und Huber für die Kameras – der Schulterschluss muss zu sehen sein.

Er hat sich lange angebahnt. Seit November 2007, als Huber an die IG-Metall-Spitze rückte, „ist dort viel mehr Realismus eingekehrt“, sagt der Gewerkschaftsexperte Professor Hans-Peter Müller von der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin. „Das ganze Geröhre und Getöse ist jetzt alles weg.“ Seit Dezember 2009 lotete die IG Metall in diskreten Gesprächen aus, wie man die Jobs sichern kann, trotz des dramatischen Produktionseinbruchs. Dann ging sie in die Verhandlungen – erstmals in ihrer Geschichte ohne konkrete Lohnforderung.

Und jetzt diese innovative Blitz-Einigung, nach insgesamt nur drei offiziellen Treffen und gut zwei Monate vor Auslaufen der Tarifverträge. Zum Vergleich: Seit Jahrzehnten brauchte es jedes Mal zwischen 40 und 60 regionale Runden, bis ein Pilotabschluss zustande kam. Fast nie lief es ohne Warnstreiks ab. Und 1984 zog sich der bislang  schwerste Arbeitskampf der Nachkriegsgeschichte sogar über sechs Monate hin.

Von dem jetzt beschlossenen „Krisenpaket 2012“ profitieren beide Seiten. Die Beschäftigten erhalten mehr Sicherheit und trotz der katastrophalen wirtschaftlichen Lage sogar die Aussicht auf mehr Kaufkraft. Und die Betriebe erhalten immerhin Planungssicherheit bis Frühjahr 2012. Solange gibt es keine neue Lohn-Debatte. Sie können sich voll auf das Krisenmanagement konzentrieren.

Zudem ist das neue Modell der Job-Sicherung kein Zwangskorsett, das unvermeidlichen Abbau unterdrückt – und so nur trügerische Sicherheit schafft. Ob sie es nutzen, müssen Firma und Betriebsrat vor Ort entscheiden. „Niemand kann Insolvenzen oder betriebsbedingte Kündigungen ausschließen“, räumt Arbeitgeber-Chef Kannegiesser ein. „Aber wir haben einen neuen Weg gefunden, unsere Mannschaften zusammenzuhalten.“ Jetzt soll die Politik mitziehen: Kurzarbeit länger fördern und im Krisenfall auf einen Teil der Sozialbeiträge verzichten.

Vor Jahresfrist provozierte Michael Sommer, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, indem er „soziale Unruhen“ und „Massenentlassungen“ vorhersagte. Doch die Arbeitslosigkeit ist kaum höher als damals – anders als in vielen anderen Ländern. Ob das deutsche Beschäftigungswunder hält, muss sich zeigen. Die Chancen sind gestiegen.

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