Personalpolitik

Nachwuchs gesucht!


Wie die Textil- und Modebranche jetzt um junge Leute wirbt

Berlin. Die Zeiten, in denen die Lehrstellen knapp waren, gehen zu Ende: „Es verlassen immer weniger Jugendliche die Schulen – sehr bald werden wir einen erheblichen Mangel an Bewerbern haben.“ So warnt Hans Heinrich Driftmann, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Die einzelnen Branchen werden zu Konkurrenten im Wettstreit um knappen Nachwuchs. Und dieser Herausforderung stellt sich die Textil- und Mode-­Industrie: Mit einer bundesweiten Kampagne, die auf mehrere Jahre angelegt ist.

Internet-Plattform mit Videos

Ein wichtiges Ziel: die Vielfalt der Branche zu zeigen. Starke Stoffe werden ja nicht nur für Bekleidung und Heimtextilien benötigt. „Sie spielen auch in der Automobil-Industrie eine zentrale Rolle, in der Luft- und Raumfahrt, in den Bereichen Umwelt und Energie, in der Medizintechnik“, erklärt Gesamtverbandspräsident Peter Schwartze.

Und so sitzt auf einem Kampagnen-Motiv eine junge Frau in einem Triebwerk: „Susanne Müller stellt als Produktionsmechanikerin Spezialgewebe für die Luftfahrttechnik her“, heißt es dazu auf der Internet-Plattform „Go Textile!“ Diese jetzt online gegangene Homepage ist Dreh- und Angelpunkt der Kampagne. Junge Leute sollen da abgeholt werden, wo sie sich oft aufhalten: im Netz. Dabei setzen die Macher auf moderne Kommunikationsformen wie etwa „Twitter“. Und sie zählen auf den Einsatz der Unternehmen. Denn diese können sich und ihr Ausbildungsangebot präsentieren.

Schon dabei ist zum Beispiel die Firma Global Safety Textiles aus dem südbadischen Maulburg, die Airbag-Texti-lien an namhafte Auto-Hersteller liefert. Sie zeigt auf der neuen Plattform unter an­derem ein Youtube-Video: 40 Sekunden kurz, schnelle Schnitte, ohne Worte, mit Musik.

Kontakt zum Personalleiter

Zu sehen: junge Menschen, große Maschinen, zuletzt das Firmengebäude. Mit geringem Aufwand wird so ein erster Eindruck von dem vermittelt, was im Betrieb abläuft.

Wer neugierig geworden ist, kann weiterklicken: Natürlich werden auf „Go Textile!“ die einzelnen Berufsbilder ausführlich erklärt. Man kann aber auch den Standort einer interessanten Firma über „Google Maps“ orten – und zum Beispiel direkt Kontakt zu Bernhard Röttele aufnehmen, dem Personalchef von Global Safety Textiles.

Von ihm erfährt man dann, dass aktuell 25 Azubis eine Lehre machen und dass das Unternehmen für den eigenen Bedarf ausbildet. Was die technischen Berufe betrifft, bestätigt Röttele schon heute: „Es ist schwierig, gute Bewerber zu finden.“

„Mitarbeiter fit halten“

Überalterte Belegschaften: Wie die Branche das Thema anpackt

Viele Altgediente, wenig Jüngere: Menschen an den Maschinen unserer Textil-Betriebe sind im Schnitt deutlich älter als die Beschäftigten anderer Berufe. Wie reagiert die Branche? Oskar Vogel, Vize-Chef des Gesamtverbands textil+mode, gibt Auskunft.

AKTIV: In vielen Textil-Firmen sieht die Altersstruktur nicht wirklich zukunftsfähig aus. Macht Ihnen das Sorgen?

Vogel: Das ist sicherlich eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Das ist aber noch nicht in jedem Betrieb angekommen – wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen.

AKTIV: Es gilt zum Beispiel, erfahrene Kräfte so lange wie möglich an Bord zu halten ...

Vogel: ... auf jeden Fall.

AKTIV: Wenn nun aber ein 45-Jähriger sagt: „Meinen harten Job kann ich doch nicht bis 67 machen“ – was empfehlen Sie ihm, was seiner Firma?

Vogel: Fit halten – aber im doppelten Sinne! Einerseits wird Gesundheitsförderung immer wichtiger, andererseits das lebenslange Lernen: Es gilt, sich laufend zu qualifizieren, auch für einen ganz neuen Arbeitsplatz im Betrieb – sodass der Mitarbeiter später umsatteln kann.

AKTIV: Und wenn es jemand trotzdem nicht mehr packt?

Vogel: Mit der bisherigen Altersteilzeit ist es vorbei. Wir können uns vorstellen, einen neuen Weg für einen vorzeitigen Ausstieg zu schaffen, der aber nur in begründeten Ausnahmefällen offen steht.

AKTIV: Wann wird das etwas konkreter?

Vogel: Arbeitgeber und Gewerkschaft arbeiten aktuell an drei ganz eng verbundenen Themen: Es geht jetzt um die Arbeitszeit, einen Altersausstieg und die Azubi-Übernahme. Bis Ende Oktober liegen hoffentlich Vorschläge auf dem Tisch.

AKTIV: Arbeitszeit – worüber diskutieren Sie da?

Vogel: Denkbar sind zum Beispiel flexiblere Arbeitszeiten, aber auch die Einführung von Lebensarbeitszeitkonten.

AKTIV: Azubis werden zu einer  umworbenen Mangelware. Kann die Textilindustrie da im Kampf um die Köpfe mithalten?

Vogel: Es ist richtig, dass der Wettbewerb um die jungen Leute härter wird. Und das Image unserer Branche hat unter dem drastischen Strukturwandel gelitten. Die meisten wissen ja gar nicht, dass wir mit in Deutschland produzierten Technischen Textilien Weltmarktführer sind und dass auch unsere Modefirmen tolle Berufschancen bieten.

AKTIV: Wie wollen Sie das ändern?

Vogel: Wir zeigen stärker, was wir wirklich machen! Für die jungen Leute starten wir eine pfiffige Kampagne im Internet, in der wir unsere Berufsbilder zeitgemäß darstellen. Zudem wollen wir auf den Ausbildungsmessen besser präsent sein.

AKTIV: Sind die Vergütungen konkurrenzfähig?

Vogel: Ja. Westdeutsche Textil-Azubis bekommen bereits im ersten Lehrjahr durchschnittlich 660 Euro brutto im Monat, bei den Bekleidungsfirmen ist es etwas weniger. Damit liegen wir im gesicherten Mittelfeld.

AKTIV: Was halten Sie von einer Pflicht, jeden Azubi nach der Prüfung zu übernehmen?

Vogel: So ein Zwang wäre genau kontraproduktiv – weil die Unternehmen dann vorsichtiger auswählen und letztlich weniger Lehrstellen an­bieten  würden.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang