Interview

„Motor für Beschäftigung“


Randolf Rodenstock Foto: vbw

Gespräch mit Randolf Rodenstock, der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw)

AKTIV: Überall ist von De-Industrialisierung und vom Weg in die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft die Rede. Was bedeutet dies für ein Industrieland wie Bayern und ganz Deutschland?

Rodenstock: Die Entwicklung in Deutschland unterscheidet sich von der in anderen Staaten. Seit Mitte der 90er-Jahre wurde hierzulande der Prozess der De-Industrialisierung gestoppt. In den letzten Jahren bis zur Wirtschaftskrise konnte sogar eine Art Re-Industrialisierung beobachtet werden, das heißt, das Gewicht der Industrie in Deutschland nahm wieder leicht zu. Zuletzt im Jahr 2008 erbrachte die Industrie gut 25 Prozent der gesamten Wertschöpfung in Deutschland. Das ist deutlich mehr als in anderen Ländern. In Japan lag der Industrie-Anteil bei 22 Prozent, in Italien bei 21 Prozent, in den USA bei 17 und in Frankreich sogar nur bei 14 Prozent. Diese Stärke der Industrie macht ein großes Stück unseres wirtschaftlichen Erfolgs aus.

AKTIV: Aber verschlafen wir damit nicht den Strukturwandel?

Rodenstock: Nein. Die Industrie ist kein Auslaufmodell – ganz im Gegenteil. Die Industrie ist und bleibt der entscheidende Motor für Wachstum und Beschäftigung. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man sich den sogenannten Industrie-Dienstleistungsverbund ansieht. Wenn man also zur eigentlichen industriellen Wertschöpfung noch die Dienstleistungen hinzurechnet, die unmittelbar für die Industrie erbracht werden beziehungsweise die es ohne Industrie nicht gäbe. Der Wertschöpfungsanteil dieses Verbundes stieg in Bayern von knapp 32 Prozent im Jahr 1995 auf 34,5 Prozent im Jahr 2008.

AKTIV: Also doch der Trend hin zur Dienstleistungsgesellschaft?

Rodenstock: Natürlich. Nur müssen wir uns im Klaren sein, dass es ohne starken industriellen Kern nicht geht. Strukturwandel findet auch innerhalb der Industrie statt. Der Anteil an Dienstleistungstätigkeiten in einem Industrie-Unternehmen nimmt stetig zu. Und dies gilt auch für die Produkte von Industrie-Unternehmen. Wer erfolgreich sein will, kann sich nicht darauf beschränken, Güter zu verkaufen. Der Kunde will Problemlösungen. Ein erfolgreiches Industrie-Unternehmen muss Produkte und dazugehörige Services anbieten.

AKTIV: Wo liegen denn die Wachstumspotenziale der Industrie?

Rodenstock: Die globalen Megatrends der kommenden Jahre stellen die Welt vor große Herausforderungen. Denken Sie an das weltweite Bevölkerungswachstum und die zunehmende Urbanisierung, also die Tatsache, dass die Menschen immer mehr vom Land in die Städte ziehen. Um dies zu bewältigen, sind enorme Investitionen nötig, vor allem in den aufstrebenden Schwellenländern: Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, in die Versorgung mit Strom und Wasser, in die Entsorgung von Müll und Abwasser. Hinzu kommt: Immer mehr Menschen in den Schwellenländern kommen zu Wohlstand, es bilden sich breite Mittelschichten heraus. Diese Menschen haben zunehmend Bedarf an Mobilität und an hochwertiger medizinischer Versorgung. Hier entwickelt sich eine enorme Nachfrage nach industriellen Produkten.

AKTIV: Diese Nachfrage entsteht offensichtlich überwiegend im Ausland?

Rodenstock: Ja – und zwar insbesondere in den aufstrebenden Schwellenländern: in Asien, in Lateinamerika, im arabischen Raum. Deshalb müssen wir auch weiterhin auf den Export setzen. Es ist für mich völlig unverständlich, wenn immer wieder Forderungen laut werden, wir sollten uns von der Exportorientierung verabschieden. Der Markt im Inland ist zu klein für uns. Es gibt für uns in einer globalen Welt keine Alternative zum Export. Unternehmen müssen sich international ausrichten. Und sie müssen die Schwellenländer immer stärker in den Fokus nehmen. Weltweit vollzieht sich eine Nachfrageverschiebung.

AKTIV: Sind die bayerischen Unternehmen hier gut aufgestellt?

Rodenstock: Unsere bayerischen Firmen sind in den Schwellenländern präsent. Von 2000 bis 2009 sind die Exporte in die Schwellenländer um 74,4 Prozent gestiegen. Inzwischen fließen 28 Prozent der bayerischen Exporte in die Schwellenländer. Vor zehn Jahren waren es erst 20 Prozent.

Wir sind gut aufgestellt, aber wir dürfen uns nicht ausruhen, andere Nationen sind hier deutlich besser. Unsere Unternehmen müssen kontinuierlich versuchen, Märkte zu erschließen und attraktive, wettbewerbsfähige Produkte anzubieten. Dazu gehört auch der Mut sich auf vermeintlich exotischen Märkten zu positionieren.

AKTIV: Was müssen Unternehmen hierfür tun?

Rodenstock: Wer in Deutschland produziert, kann nicht hauptsächlich über den Preis im Wettbewerb bestehen. Unsere Produkte müssen vor allem durch Qualität und Kundennutzen überzeugen. Dies geht nur durch kontinuierliche Forschung, Entwicklung und Innovation. Dies gilt einerseits für Produkte, andererseits ebenso für die Prozesse im Unternehmen. Neben der Internationalisierung ist die Innovation der entscheidende Schlüssel zum Unternehmenserfolg.

AKTIV: Die vbw veranstaltet mit der Bayerischen Staatsregierung den Kongress „Aufbruch Bayern – Mit Forschung und Innovation in die Zukunft“. Was ist das Ziel dieser Veranstaltung?

Rodenstock: Wir wollen zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung eine Innovationsstrategie für Bayern entwickeln. Mit dem Innovationspakt 2008 haben wir Grundlagen gelegt, jetzt muss es weitergehen. Wir müssen die wissenschaftlich-technologische Infrastruktur dauerhaft stärken, die Umsetzung von Forschungsergebnissen in wirtschaftlich verwertbare Anwendungen voranbringen und die hybride Wertschöpfung weiterentwickeln.

AKTIV: Ist Innovation nicht in erster Linie Aufgabe der Wirtschaft, der Unternehmen?

Rodenstock: Selbstverständlich. Aber wir benötigen auch innovationsorientierte und forschungsfreundliche Rahmenbedingungen, wir benötigen starke Forschung an Hochschulen, wir benötigen universitäre und außeruniversitäre Forschung. Hier ist der Staat gefordert.

AKTIV: Die öffentliche Hand ist knapp bei Kasse. Wie kann die Staatsregierung in dieser Situation Forschung und Entwicklung und Innovationen fördern?

Rodenstock: Es geht darum, Schwerpunkte im Ausbau der Forschungslandschaft zu bilden, etwa im Bereich der Energietechnologie oder bei der Miniaturisierung. Es geht außerdem um Schwerpunktforschung in Kooperationsprojekten zwischen Hochschulen und Wirtschaft und insgesamt um die Verbesserung der universitären Forschungsentwicklung sowie um die Bearbeitung von Technologiethemen in Leitprojekten. Wir benötigen insgesamt eine bessere Vernetzung der Forschungslandschaft.

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