Engagement

Montage-Arbeit als Lebenshilfe


Kooperation mit Reha-Einrichtung ist eine gute Alternative zur Produktion in Billiglohnländern

Gießen. Routiniert spannt Jürgen Gottstein eine Stahlfeder in den Schraubstock. Er dehnt sie mit einer Zange, hängt ein Häkchen ein und setzt es an die gewünschte Stelle. Konzentriert montieren er und seine rund 160 Kollegen Tausende von Bauteilen für Kohlebürsten der Schunk Kohlenstofftechnik.

Ihr Arbeitsplatz aber befindet sich nicht bei dem Hightech-Unternehmen in Heuchelheim, sondern bei der Reha-Mitte in Gießen. Das ist eine von fünf Werkstätten der Lebenshilfe in der Umgebung.

„Kerzen ziehen und Holzspielzeug basteln, das war vor vielen Jahren. Heute sind wir moderne Betriebe mit anspruchsvollen Montage-Arbeitsplätzen“, erläutert Burkhard Stertmann. Er ist Bereichsleiter Berufliche Rehabilitation.

Jeder könnte betroffen sein

Die Bandbreite an den fünf Standorten ist groß. Sie reicht vom Montage- und Verpackungsservice, über Metallbearbeitung wie Drehen und Fräsen, Schreinerarbeiten, Garten- und Landschaftsbau bis zu Siebdruck und Bürodienstleistung sowie Aktenvernichtung. Rund 150 Unternehmen aus Industrie und Handel nutzen das Angebot.

Neben Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten bei der Lebenshilfe auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. „Ausgelöst durch Verletzungen am Gehirn oder traumatische Erlebnisse kann davon jeder betroffen sein“, so Stertmann. Die Warteliste auf einen der Arbeitsplätze ist lang. Ziel ist es, den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Es wird an 37,5 Stunden in der Woche gearbeitet. Und es gibt Teilzeitjobs.

„Durch die enge Kooperation mit der Wirtschaft haben wir den gleichen Termin- und Qualitätsdruck wie in anderen Betrieben“, so Werkstattleiter Sebastian Ziegler.

Anke Bill hatte bereits zwei „Außeneinsätze“. Durch gute medizinische und psychologische Betreuung erobert sie sich ein selbstbestimmtes Leben Schritt für Schritt zurück. Die Arbeit in der Reha-Mitte ist dabei ein wichtiger Teil: „Wir sind eine tolle Gruppe, in der die Arbeit Spaß macht und anerkannt wird. Das gibt wieder Selbstvertrauen.“

Geschätzte Arbeit ermöglichen

Für Wolfgang Sauer von Schunk Kohlenstofftechnik sprechen gleich mehrere Gründe für die Zusammenarbeit: Die soziale Verpflichtung. Die Unterstützung der Lebenshilfe. Benachteiligten eine geschätzte Arbeit ermöglichen. Die Erfüllung der vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Behindertenquote.

Und nicht zuletzt lohnt sich das Engagement auch wirtschaftlich. Sauer: „Die Preise sind eine echte Alternative zur Montage in Billiglohnländern. Neben steigenden Preisen bereiten lange Wege und Sprachbarrieren viele Probleme.“

Schunk hat deshalb bereits Arbeiten aus dem Ausland zurückgeholt in die eigene Fertigung und für die Lebenshilfe. Nicht zuletzt auch zur Freude von Jürgen Gottstein: „Wir sind alle froh, wenn wir Arbeit haben und etwas leisten können.“

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