Strom-Standort „D“

Mit Wind und Sonne allein geht es nicht


Deutschland braucht auch in Zukunft Kohle- oder Kernkraftwerke, sonst sind Arbeitsplätze in Gefahr

Die deutsche Wirtschaft brummt, die Chemie wächst – und doch macht sich der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) Sorgen um die Zukunft. Strom könnte bald knapp und teuer werden, fürchtet BAVC-Präsident Eggert Voscherau. Im Interview mit AKTIV beschreibt Voscherau, der bis vor kurzem auch Vize-Chef des Chemie-Riesen BASF war, das drohende Energie-Dilemma.

Interview

AKTIV: Herr Voscherau, Anfang Mai war die Stadt Münster eine halbe Stunde lang komplett ohne Strom. Gehen bei uns bald öfter die Lichter aus?

Voscherau: Deutschland, auch die chemische Industrie, muss sich da in der Tat zunehmend Sorgen machen. Vielleicht bekommen wir wegen fehlender Investitionen schon in wenigen Jahren öfters Probleme: Wir wollen keine Kernkraftwerke, wir wollen keine neuen Kohleblöcke mehr und auch keine Hochspannungsleitungen. Wenn unser Land auch in Zukunft noch Export-Weltmeister sein will, braucht es aber gut verfügbare, sichere und preiswerte Energie. Ohne die ist der Industrie-Standort „D“ nicht zu betreiben und unser Wohlstand in Gefahr.

AKTIV: Das klingt aber dramatisch.

Voscherau: Ist es auch. Schon jetzt müssen sich deutsche Unternehmen mit Stromkosten im Wettbewerb behaupten, die international zu den höchsten gehören. Das trifft besonders unsere Branche, die fast ein Zehntel des deutschen Stroms verbraucht. Wenn der Strom in Zukunft knapp und dadurch noch teurer werden sollte, dann wären in energieintensiven Branchen einige Tausend Arbeitsplätze in Gefahr. Das beunruhigt mich als Präsident der Chemie-Arbeitgeber natürlich sehr.

AKTIV: Aber warum sollte Strom knapp werden? Nach der derzeit geltenden Planung der Bundesregierung schaltet Deutschland zwar bis zum Jahr 2022 alle Kernkraftwerke aus, aber bis dahin genauso viel Windkraft und Sonnenstrom ein.

Voscherau: Wir müssen realistisch bleiben. Selbst wenn wir 30 Prozent unseres Stroms aus Wind, Biogas und Sonne erzeugen, wie es die Regierung mittelfristig anstrebt, dann brauchen wir immer noch für 70 Prozent der Versorgung herkömmliche Energie. Aber wo soll die herkommen? Wenn es Kernenergie nicht sein soll, müssen Kohle und Gas es allein bringen. Dazu brauchen wir hier neue Kraftwerke. Obendrein müssen wir in den nächsten Jahren viele ineffiziente Alt-Anlagen ersetzen.

AKTIV: Die Kohle gilt aber als der „Klimakiller“ Nummer eins.

Voscherau: Immerhin verringern die geplanten neuen Kohlekraftwerke den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid um fast ein Drittel: Sie haben einen viel höheren Wirkungsgrad als die alten, ineffizienten Kraftwerke. Warum sind sie trotzdem so schwer durchzusetzen? Es gibt Dutzende Bürgerinitiativen gegen neue Kohlekraftwerke, mehrere Großprojekte liegen schon auf Eis, weiteren droht das Aus. Die Deutsche Energie-Agentur in Berlin warnt deshalb bereits davor, dass wir zu wenig neue Kraftwerke bauen und am Ende des kommenden Jahrzehnts etwa 12.000 Megawatt zu wenig gesicherte Leistung haben. Das entspricht rund 15 großen Kohlekraftwerken.

AKTIV: Macht die Agentur, die im Auftrag von Bund und Banken agiert, nicht auf pessimistisch?

Voscherau: Im Gegenteil. Sie geht davon aus, dass Deutschland alle selbst gesetzten Ziele erreicht – der Stromverbrauch soll bis 2020 um 8 Prozent sinken, zu 30 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien und zu weiteren 25 Prozent aus hocheffizienten Kraftwärmekopplungs-Anlagen gedeckt werden. Und trotzdem hätten wir dann viel zu wenig Stromerzeugung!

AKTIV: Aber derzeit exportieren wir doch sogar mehr Strom, als wir einführen.

Voscherau: Netto sind das etwa 3 Prozent unseres Gesamtverbrauchs. Das ist kein toller Puffer. Wir brauchen entweder eine Offensive in Sachen Kohle und Gas, oder wir werden den Atomausstieg verschieben müssen. Mit Wind und Sonne allein kann unsere Industrie nicht laufen, jedenfalls auf absehbare Zeit.

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