Revolution in der Landwirtschaft

Milchquote: Bauern müssen umdenken

Obergünzburg. Sechs seiner Jungkühe hat Peter Maurus schon verkauft. Einige Tiere musste er dem Schlachter übergeben. „Das ist mir schwergefallen“, sagt der Milchviehhalter, bei dem jedes Tier einen Namen hat. Der Schritt war nötig, weil er zurzeit seine Milchproduktion drosseln muss. Eine Folge der Milchquote.

Am 31. März ist das vorbei. Dann endet nach mehr als drei Jahrzehnten das Quotensystem, mit dem die EU die Produktionsmengen reguliert. Ab April darf jeder Erzeuger so viel Milch herstellen, wie er will. Die bisherigen Obergrenzen sind dann Geschichte. Für Bauern wie Peter Maurus ist die neue Freiheit aber nicht nur verlockend: „Der Wettbewerb wird viel härter.“

Eine viertel Million Arbeitsplätze hängt von der Branche ab

Im bayerischen Obergünzburg bewirtschaftet der 33-Jährige gemeinsam mit seiner Frau und seiner Mutter einen von bundesweit knapp 80.000 Milchviehbetrieben. Die Branche hat im vergangenen Jahr 32 Millionen Tonnen Milch produziert. Rekord! Und der könnte bald Jahr für Jahr überboten werden.

„Erstmalig seit 1984“, sagt Sascha Weber vom staatlichen Thünen-Institut für Marktanalyse in Braunschweig, „dürfen Milchviehhalter wieder als freie Unternehmer arbeiten.“ Der Wissenschaftler sieht in dem Aus für die Quote einen Segen: „Allein die Verwaltung dieses veralteten Systems kostet viel Geld. Dafür kommen am Ende alle Beteiligten der Wertschöpfungskette Milch auf.“


Auch Bauer Maurus kam die Quote teuer zu stehen: „Im vergangenen Jahr musste ich 13.000 Euro an die EU zahlen.“ Weil er mehr Milch produziert und verkauft hat als erlaubt, wurde diese sogenannte Superabgabe fällig.

Völlig verdammen will er die Regulierung aber nicht: „Mit der Quote hatten wir eine gewisse Planungssicherheit“, sagt Maurus, der Milchproduktion ohne politisch verordnete Mengenvorgaben nie kennengelernt hat.

So wie auf seinem Hof im Allgäu befürchtet man in vielen Betrieben sinkende Preise, wenn immer mehr Milch produziert und auf dem Markt angeboten wird. Bei einer Jahresleistung von rund 680.000 Kilogramm schlägt 1 Cent je Kilo für Maurus schon ordentlich ins Kontor.

Von einer „Revolution im Kuhstall“ spricht seine Branche, von der deutschlandweit etwa 250.000 Arbeitsplätze abhängen.

„Wenn die Produktionskosten die Erzeugerpreise weiterhin übertreffen“, erklärt der Familienvater, „lohnt sich das Geschäft für uns nicht mehr.“ Kühe kosten schließlich Geld: Versicherungen, Futter, Diesel für die Fahrzeuge, Wartung der Maschinen und, und, und.

So weit der Befund für die Gegenwart. Tatsächlich übersteigt aktuell das Angebot die Nachfrage. Vor allem der Inlandsmarkt ist gesättigt. Mit der Folge, dass der Liter Milch beim Discounter nur noch 59 Cent kostet. Um 10 Cent hat der Handel bereits vor Jahresfrist die Preise gesenkt. Auch die Quote konnte den Preisverfall nicht stoppen, der in den vergangenen Jahren Milchbauern immer wieder um ihre Existenz bangen ließ.

Hinzu kommt das russische Einfuhrverbot für Lebensmittel aus dem Westen: Präsident Putin hatte damit auf die Sanktionen der EU-Staaten gegen sein Land reagiert – und das ohnehin drückende Problem mit dem Milchüberschuss noch verschärft.

Für die Zukunft jedoch kann die Branche optimistisch sein, sagt Hermann Cordes vom Deutschen Milchkontor: „Vor allem mit Blick auf die internationalen Märkte sehen wir großes Potenzial.“ Das Unternehmen mit Sitz im niedersächsischen Zeven ist die größte Molkerei Deutschlands. Sie verarbeitet jährlich 6,7 Milliarden Kilogramm Milch zu Käse, Joghurt und Co. Bereits jetzt fließt die Hälfte der deutschen Milch ins Ausland. Weltweit steigt die Nachfrage. In Entwicklungs- und Schwellenländern können sich immer mehr Menschen Milch leisten.

Marktexperte Weber ist ebenfalls zuversichtlich: „Die deutschen Milchbauern sind durchaus wettbewerbsfähig, auch gegenüber dem weltgrößten Exporteur Neuseeland.“

Locker eine 70-Stunden-Woche

Um weiter mitzuspielen auf dem Milchmarkt, hat Bauer Maurus seinen Betrieb auf Effizienz getrimmt: Er melkt seine 80 Kühe um 6 Uhr früh und um 17 Uhr an sieben Tagen in der Woche mit Hightech-Maschinen. Der junge Unternehmer, der locker auf eine 70-Stunden Woche kommt, sagt über die Zeit nach der Quote: „Jetzt geht es erst mal weiter. Pack ma’s!“

Hintergrund

Foto: Werk
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Milchquote

  • Um den Erzeugern ein Auskommen zu sichern, hat die damalige Europäische Gemeinschaft ihnen die Milch bis Anfang der 80er-Jahre zu einem garantierten Mindestpreis abgenommen.
  • Die Folge war Überproduktion. Es entstanden die „Milchseen“ und „Butterberge“ – Sinnbilder staatlicher Eingriffe in den Markt.
  • Um das Angebot zu begrenzen und die Preise stabil zu halten, wurde 1984 EU-weit die Milchquote eingeführt.
  • Seitdem muss jeder Landwirt die Menge angeben, die er produzieren will und dafür an den Milchbörsen ein Kontingent kaufen. Überschreitet er diese Quote, wird eine Strafe fällig.

Mehr zum Thema:

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Fördert heiße Milch mit Honig tatsächlich das Einschlafen? Ist Kuhmilch für den Menschen doch ungesünder als lange gedacht? Und macht sie nun dick oder nicht? Das und vieles mehr hat AKTIV zwei Experten gefragt.

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