Interview mit Statistik-Star Professor Hans Rosling

„Menschheit kann den Hunger besiegen“

Kinder in Vietnam: Die Lebenserwartung dort liegt bei 75 Jahren, so hoch wie in den USA in den 80ern. Foto: Getty

Stockholm. Auf Youtube ist er längst ein Star: Professor Hans Rosling, Mediziner mit dem Talent, Statistiken so spannend zu beschreiben wie ein Fußballreporter ein großes Spiel. Der schwedische Wissenschaftler wertet dafür Daten der Vereinten Nationen aus. Denn er ist überzeugt: Die meisten Menschen haben kein realistisches Bild von der Welt.

Herr Rosling, Sie beschreiben die Welt anhand von Statistiken. Wie geht es uns denn?
Es geht uns besser als je zuvor. Das gilt für die Ernährung und die Gesundheitsversorgung in der Welt. Und für den Zugang zur Bildung.

Besser heißt aber nicht gut.
Stimmt. Gut geht es den Menschen in den Industriestaaten Europas, Nordamerikas und Südostasiens. Eine Milliarde lebt dort insgesamt. Von Armut sind doppelt so viele Menschen betroffen, vor allem in Teilen Afrikas und Asiens. Aber die Welt verändert sich.

Sprechen Sie vom rasanten Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern?
Dort lebt der überwiegende Teil der Menschheit. Sie haben vielleicht Strom und fließendes Wasser im Haus, können sich aber noch keine Waschmaschine leisten. Ihre Kinder gehen zur Schule und sind geimpft. Vier Milliarden Menschen sind das. Doch in Ländern wie Deutschland oder Schweden weiß man kaum etwas über sie.

Dann schließen Sie doch mal ein paar Bildungslücken.
Lesen und schreiben können 80 Prozent aller Menschen. Doch die Europäer glauben, 60 Prozent wären Analphabeten. Die Zahl der Kinder in der Welt, die an Masern sterben, ist innerhalb weniger Jahre von zwei bis drei Millionen auf 200.000 jährlich gesunken. Doch hier weiß kaum jemand, dass in Afrika 80 Prozent der Kinder geimpft sind. 1990 lebte die halbe Menschheit in bitterer Armut. Heute sind es 22 Prozent. Doch in Europa hält man an dem Glauben fest, dass die Armut in der Welt ständig wächst. Die Welt wird besser, und keiner glaubt’s.

Woran liegt das?
Ganz einfach: Niemand erklärt es den Leuten. Die Medien transportieren zwar Nachrichten, aber nicht die graduellen und bedeutenden Veränderungen. Und in den Schulen wird altes Wissen vermittelt. Aus all dem entsteht eine gefährliche Ahnungslosigkeit. Das ist so, als würden Sie mit einem 50 Jahre alten Stadtplan durch Berlin laufen. Ihre Suche nach dem richtigen Weg ist zum Scheitern verurteilt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Vor einiger Zeit habe ich Frederik de Klerk getroffen, den letzten weißen Präsidenten Südafrikas. Der fragt sich besorgt, warum Deutschland aus der Kernenergie aussteigen konnte. Weil er sich vor den Folgen des rasant ansteigenden Kohleverbrauchs für das Klima fürchtet. Wäre den Deutschen dieses Problem stärker bewusst, hätten sie vielleicht anders entschieden.

Aber es sind doch gerade die Schwellenländer, die das Klima belasten.
Wirklich? Überlegen Sie mal, was für eine arrogante Haltung das ist. Wir können doch den Menschen dort nicht vorwerfen, dass sie das Gleiche tun wie wir früher, um ihren Wohlstand zu steigern.

Und wie können wir ihnen auf dem Weg zu einem besseren Leben helfen?
Die westlichen Industriestaaten müssen die Regierungen dieser Länder dazu anhalten, ihren Job gut zu machen. Ich denke da an Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen, an gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. So wie Fürst Bismarck das als Reichskanzler in Deutschland früher einmal gemacht hat. Dann wird auch investiert, und es kann eine moderne Gesellschaft entstehen.

Können Sie diese Zuversicht anhand Ihrer Statistiken begründen?
Ja. Im Iran zum Beispiel bekommt eine Frau statistisch nur noch zwei statt sieben Kinder. Und die Lebenserwartung ist seit den 80er-Jahren von knapp über 40 auf über 70 Jahre gestiegen.

Dann ist also Geburtenkontrolle die beste Lösung?
Geburtenkontrolle ist komplett überflüssig. Wenn die Menschen mehr wissen und mehr Möglichkeiten haben, treffen sie ihre Entscheidungen bewusst. Sie wollen weniger Kinder, um die sie sich aber besser kümmern können.

Trotzdem wächst die Weltbevölkerung.
Die Zahl der neugeborenen Kinder stagniert. Aber wir werden immer älter und deshalb immer mehr.

Wird es irgendwann keine Armut mehr geben auf der Welt?
Das ist durchaus denkbar, in zwei bis drei Jahrzehnten vielleicht. Wir stehen ja, wie gesagt, jetzt bei weltweit 22 Prozent. Aber die letzten Prozente sind die schwierigsten.

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Urenkel träte in Ihre Fußstapfen. Was für eine Welt würde er im Jahr 2114 anhand von Statistiken beschreiben?
Es kann eine gute Welt sein. Denken Sie an die fürchterlichen Kriege in Europa, für die Deutschland verantwortlich war. Heute unterstützen die Deutschen Friedensprozesse. Was in Europa möglich ist, können wir auch global schaffen.


Zur Person

Professor Hans Rosling. Foto: Karolinska Institut
Professor Hans Rosling. Foto: Karolinska Institut

Einsatz gegen das Unwissen

  • Professor Hans Rosling (67) lehrt Internationale Gesundheit in Stockholm.
  • Im Jahr 2005 hat er die Gapminder-Stiftung gegründet. Sie macht internationale Statistiken für Laien verständlich.
  • Die Software dazu stellt die Stiftung kostenlos unter gapminder.org zur Verfügung.

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