Roboter-Anzug statt Rollstuhl

Medizintechnik: Fantastische Innovationen helfen Querschnittsgelähmten, Herz- und Krebskranken


Bochum. Beim Schneeschaufeln auf dem Dach passierte es: Philippe von Gliszynski stürzte durch eine Luke und zog sich eine Querschnittslähmung zu. Das war im Winter 2010. Heute kann der Architekt wieder über 1.000 Meter laufen, wenn auch nur mit dem Rollator. Das Gehen lernte von Gliszynski mithilfe eines Roboter-Anzugs in der Bochumer Uniklinik.

Zwar kann von dem komplizierten Apparat, der die verbliebenen Nervenimpulse verstärkt, nur ein Teil der Querschnittsgelähmten profitieren. Doch das Beispiel zeigt, was moderne Medizintechnik kann. „Auch bei Herzbehandlung, Krebsbekämpfung und Diagnosen gibt es große Fortschritte“, berichtet Joachim Schmitt, Geschäftsführer beim Bundesverband Medizintechnologie in Berlin. Die 12.000 Branchenfirmen setzen jährlich 22 Milliarden Euro um; 15 Prozent der 190.000 Mitarbeiter tüfteln ständig an Neuentwicklungen.

Ein Netzhaut-Chip ersetzt die absterbenden Sehzellen

„Ein Ziel“, so Schmitt, „ist die Miniaturisierung der Geräte.“ So ist die kleinste Herzpumpe der Welt nur noch so groß wie ein Finger und so leicht wie ein Standardbrief. Ärzte des Herzzentrums Bad Oeynhausen setzten sie 2013 erstmals einer Patientin ein. Die Entwicklung des ­Aachener Herstellers Circulite pumpt pro Minute bis zu drei Liter Blut. Ein neuer Herzschrittmacher der Firma St. Jude Medical im hessischen Eschborn ist noch kleiner. Er wird direkt ins Herz eingesetzt und kommt daher ohne Drähte aus.

Auch dem Auge hilft Hightech im Miniformat. Einer Frau, die durch absterbende Sehzellen erblindet war, implantierten Ärzte der Uniklinik Hamburg-Eppendorf kürzlich einen winzigen Netzhaut-Chip. Mithilfe der Kamera in einer Spezialbrille kann sie wieder ein wenig sehen, schildert Professor Gisbert Richard: „Sie lernt wieder, sich zu orientieren, Hindernissen auszuweichen und vielleicht sogar Buchstaben zu lesen.“

Neues aus dem Operationssaal: Mannheimer Fraunhofer-Forscher haben eine Spezialkamera entwickelt, die dem Arzt bei der Krebs­operation jeden noch so kleinen Tumor in Leuchtfarbe auf einem Monitor zeigt, damit er ihn nicht übersieht. „Das erhöht die Heilungschancen“, sagt Forschungsleiter Nikolas Dimitriadis.

Immer ausgefeilter wird die Diagnosetechnik. Patienten mit Herzrhythmusstörungen wird neuerdings ein Messgerät der Berliner Firma Biotronik implantiert – das „tagesaktuell“ EKG-Daten an den Arzt funkt und ihm hilft, Risiken früh zu erkennen. Und demnächst meldet ein Chip in der Hüftprothese, wann sie ausgetauscht werden muss – und zwar schon, bevor der Patient Schmerzen hat.

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