Der Körper repariert sich bald selbst

Medizin-Textilien: Krabbengarn stützt Kniegelenk

Naturprodukt: Krabbenpanzer sind der Rohstoff für die Chitosanfaser. Foto: dpa

Bocholt/Dresden. Pflaster gehören zu jeder Hausapotheke: „Sie sind die ältesten Medizin-Textilien der Welt“, sagt Marcel Nehring. Der Bocholter arbeitet beim Textil-Ausrüster Grenzlandfärberei im Münsterland. Dort ist er zuständig für die Vorbehandlung, Färbung und Imprägnierung von Viskosemullartikeln – dem Grundstoff für die praktischen Wundauflagen.

Mittlerweile aber arbeiten Wissenschaftler des Instituts für Textilmaschinen und Textile Hochleistungstechnik (ITM) in Dresden an Hightech-Pflastern. Ziel: „Wundauflagen sollen intelligent werden“, so Martin Kirsten, promovierter Diplom-Chemiker am Institut. Die Pflaster prüfen Temperatur oder ph-Wert im Gewebe und schlagen Alarm, wenn sich der Wundheilungsverlauf ändert. Vier Millionen Menschen, die an chronischen Wunden leiden, könnten davon profitieren.

Trotzdem wird der klassische Pflasterstreifen nicht verschwinden. „Für das aufgeschlagene Knie reicht er allemal“, so Marcel Nehring. Sein Arbeitgeber beliefert Pflasterhersteller pro Jahr mit über einer Million Meter wasser- und blutabweisenden Viskosemullartikeln.

Das Sensor-Pflaster aus Dresden hingegen besteht teilweise aus Chitosan-Garn. Es wird aus Krabbenpanzern in Form von Chitin gewonnen, dann zu Garnen gesponnen. „Der Werkstoff ist entzündungshemmend und biokompatibel“, erklärt Chemiker Kirsten. Aus dem Material wird ein Stütz-Implantat hergestellt. Das textile Gerüst, so die Vision, kann auf den Patienten angepasst werden und baut sich selbstständig ab. Kirsten: „Einmal eingesetzt und mit körpereigenen Zellen besiedelt, erfolgt ein Neuaufbau von Knochen und Knorpelgewebe.“ Der Körper kann sich regenerieren, sich selbst reparieren.

Übrigens: Die Krabbenpanzer sind Überreste aus der Lebensmittel-Industrie. Kein Tier wird für diese Anwendung getötet.


Fasern weisen den Weg

Vielfach vergrößert: Fasern, die Nervenzellen ausrichten. Foto: Werk
Vielfach vergrößert: Fasern, die Nervenzellen ausrichten. Foto: Werk

Nervenleitschiene könnte in Zukunft Querschnittsgelähmten helfen

Denkendorf. Durchtrennte Nerven können zwar nachwachsen, erreichen aber oft nicht ihr Ziel. Die verletzten Gliedmaße bleiben dann häufig unbeweglich. Forscher des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf (Baden-Württemberg) haben dieses Problem gelöst – mit einer textilen Nervenleitschiene.

Sie navigiert die Nerven in die richtige Richtung. Dafür wird ein winziger Polymerschlauch über den durchtrennten Nerv gestülpt. „In ihm sind Fasern eingelegt, in denen die neuen Nerven wachsen“, erklärt Professor Michael Doser vom ITV. Der Schlauch besteht aus einem speziellen Polymer. Es verhindert Entzündungen und Narben.

Die Prognose des Forschers: „Diese Innovation könnte in Zukunft vielleicht sogar Querschnittsgelähmten helfen.“

Manschette lindert Schmerzen

Wohltuend: LED strahlen auf einer speziellen Wellenlänge. Foto: Werk
Wohltuend: LED strahlen auf einer speziellen Wellenlänge. Foto: Werk

Beim Karpaltunnel-Syndrom entspannt blaues Licht die Handmuskeln

Greiz. Das Karpaltunnel-Syndrom verursacht Schmerzen in Hand und Unterarm. Etwa jede fünfte Frau über 50 leidet darunter. Experten des Textilforschungsinstituts Thüringen-Voigtland (TITV)in Greiz haben eine Bandage entwickelt, mit der sich Patienten bald selbst therapieren können.

Dafür werden auf ein textiles Trägermaterial blaue LED aufgestickt. Regelmäßig angewendet, wirkt die Wellenlänge des Lichts schmerzlindernd auf die gequetschten Nerven im verengten Karpaltunnel und entspannt so wohltuend die Muskeln der Hand.

Ähnlich funktioniert eine weitere Innovation aus Greiz, die mittlerweile zu einem marktfähigen Produkt gereift ist: der Therapiehandschuh für Schlaganfallpatienten. Ein geringer Strom fließt durch das leitfähige Garn des Handschuhs, der die Fingerspitzen anregt. Dieser Reiz wird an bestimmte Hirnregionen weitergegeben. Die werden dadurch neu trainiert.

Für schätzungsweise jeden Dritten der jährlich 270.000 neuen Schlaganfallpatienten hierzulande ist diese Art der Selbst-Therapie geeignet.

Passende Implantate

Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil. Foto: FKT
Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil. Foto: FKT

Interview: Woran Forscher und Betriebe arbeiten

Berlin. In der Entwicklung von Medizin-Textilien gehören deutsche Unternehmen zur Weltspitze. AKTIV sprach mit dem Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil, Klaus Jansen, über neue Materialien und Verfahren, die in Zukunft Heilung und Therapie vereinfachen sollen.

Mit welchen Innovationen können wir rechnen?
Die Materialien werden körperverträglicher und individueller. Medizin-Textilien unterstützen den Körper, damit dieser sich selbst repariert.

Was heißt das konkret?
Garne für OP-Nähte sind dann speziell beschichtet. Sie geben wundheilende Substanzen ab. Textil-Implantate bauen sich selbstständig ab, wenn der Körper genügend eigene Zellen gebildet hat. Und sie sind auf den Körper des Patienten maßgeschneidert. Das erleichtert die Heilung und macht die Therapie individueller.

Wie lange werden wir auf so etwas warten müssen?
Mindestens noch fünf Jahre. Die Materialien müssen langwierige klinische Tests bestehen. Schließlich geht es um die Gesundheit, da muss man auf Nummer sicher gehen.

Wie unterstützt das Kuratorium die Betriebe?
Wir koordinieren die Textilforschung. Bei Medizin-Textilien etwa bringen wir Ärzte, Forscher und Betriebe zusammen. Das ist oft der Anstoß für zukünftige Anwendungen und Produkte.

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