Freizeit

Man gibt sich die Kugel


Heißer Boom: Die Deutschen brutzeln wie nie

Ingelheim. Jetzt qualmen sie wieder! In Gärten und Parks. Auf Balkonen und Terrassen. Millionen Würstchen und Steaks müssen dran glauben: Grillen ist angesagt!

Und wie: Die Deutschen brutzeln wie blöde. Und geben reichlich Kohle dafür aus. Vier Millionen Grills wurden bei uns letztes Jahr verkauft. „Insgesamt erreichte der Umsatz mit Grill-Artikeln die 550-Millionen-Euro-Marke. Neuer Rekord!“, sagt Marion Spilles, Vorsitzende des Hersteller-Verbandes „Barbecue Industry Association Grill“ in Hanau.

Jährlich wächst der Markt um bis zu 20 Prozent. Nicht einmal die Wirtschaftskrise vermochte die „Grill-Wut“ der Deutschen abzukühlen.

Zartes Fleisch statt schwarzer Schwarte

Etwa zwölf Millionen GrillFans greifen regelmäßig zu Holzkohle und Zange, schätzt Rudolf Jaeger, Manager des „Grillsportverein“, einer Internet-Community mit 22.000 registrierten Mitgliedern. „Viele brutzeln heute ganze Menüs auf ihrem Gerät. Sie wollen zartes Fleisch statt schwarzer Schwarte und lassen für einen guten Grill gerne ein paar Euro mehr springen.“

Im Trend liegen deshalb sogenannte Kugelgrills. Indirektes Grillen, Räuchern, Backen – mit Mega-Modellen von Herstellern wie Weber-Stephen, Landmann oder Outdoorchef kein Problem.

Die Idee zu dem Ding hatte Anfang der 50er-Jahre der Amerikaner George Stephen. Der Mann hatte elf Kinder, grillte für sein Leben gern und konstruierte den ersten Kugelgrill aus einer Schwimmboje. Aus der Idee wurde die Welt-Firma Weber-Stephen. Heute stellt der US-Marktführer mit 1.050 Mitarbeitern jährlich Millionen Grills her.

Immer mehr davon auch für den deutschen Markt. Denn wer etwas auf sich hält, gibt sich die Kugel. Ob nun für 89 Euro (Einstiegsmodell)  oder für fast 300 Piepen (Mittelklasse). Um 36 Prozent schoss der Umsatz von Weber-Stephen hierzulande 2010 in die Höhe, so Hans-Jürgen Herr, Chef der 85 deutschen Weber-Stephen-Mit­arbeiter in Ingelheim, Rheinland-Pfalz. „In diesem Jahr wird das Plus noch etwas höher sein. Wir nähern uns beim Umsatz stark dem dreistelligen Millionenbereich.“

Grills für jeden Geldbeutel

Die heiße Fleischeslust der Deutschen lässt zudem die Hersteller von Grill-Zubehör frohlocken. Zangen-Sets, Bürsten, Bratkörbe oder Grill-Thermometer – gekauft wird, was das Zeug hält. Grillsport-Chef Jaeger: „Für seine Ausstattung kann man locker einige Tausend Euro ausgeben. Muss man aber nicht – es gibt für jeden Geldbeutel die passende Ausrüstung.“

Übrigens: Ein echter Griller heizt sein Gerät ein- bis zweimal die Woche an. Und das beileibe nicht mehr allein für Würstchen und Steaks. „Der Könner wagt sich heute auch an Fisch, Krabben, Paprika, Zucchini, Kuchen und sogar Desserts“, sagt Jaeger. „Die Zeit des Hals-Nacken-Grillers ist vorbei.“ Statt Fertig-Marinade aus dem Supermarkt mixten Eingefleischte heute exotische Saucen lieber selbst. Sogar auf das Holzaroma würden Grill-Freaks heute achten.

Eines aber hat sich (noch) nicht geändert: An 85 von 100 Grills werkelt ein Mann! Damit steht die Arbeitsteilung für die Frauen-WM wohl fest. Die Ladys kicken um den Titel. Und die Herren grillen wie die Weltmeister.

 

Selbsttest: Welcher Grill-Typ sind Sie?

Jeder grillt anders: Finden Sie im (nicht ganz bierernsten) Selbsttest heraus, welcher Typ „Homo Barbecue“ Sie sind:

Der Anarcho: Frauen haben für Sie am Grill nix zu suchen? Als Tisch tut’s auch eine Kiste Bier, auf den Rost kommt bei Ihnen „Hals-Nacken blutig“ oder Phosphatpeitsche (Grillwurst), und Ihr Schlachtruf ist „Fettig is’ fertig“? Sie sind ein Einweggrill-Typ. Gibt’s für 3 Euro im Baumarkt. Streichholz dran und ab dafür!

Der politisch Korrekte: Sie belästigen die Nachbarn ungern mit Rauchschwaden, achten auf Ihre Linie und finden in Folie gegrillten Feta-Käse mit Preiselbeeren lecker? Greifen Sie zum Elektro-Grill. Der Anarcho wird Sie zwar verachten. Macht aber nix: Sie hätten sich eh nicht viel zu sagen.

Der Spießer: Shrimps mit Auberginen, Mangostückchen und Bio-Rind – Sie spießen alles auf, Hauptsache edel? Und Sie finden indirektes Grillen total supi? Sie brauchen ein Markengerät! Nicht unter 400 Euro ausgeben! Und das Preisschild dranlassen! Darf ruhig jeder sehen.

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