Ostalgie

Märchenhaftes Rotkäppchen


Ostalgie in der Marktwirtschaft: Die cremigen Kugeln, der schlaue Fuchs und der rote Rücken.

Ost-Marken tun sich im Westen nach wie vor schwer

Berlin. „Sparen Sie doch Geld, waschen Sie bei niedrigen Temperaturen.“ Wenn der schlaue kleine Fuchs sein Waschmittel in der TV-Werbung anpreist, haben die Zuschauer zwischen Ostsee und Erzgebirge nostalgische Gefühle. „Ach ja, Spee, das kennen wir doch schon 40  Jahre ...“

Den Fuchs gibt’s seit 1998. Spee gehört heute zum Henkel-Konzern. Aber das Waschmittel ist eine von 120 Ost-Marken, die es 20 Jahre nach dem Mauerfall noch gibt. Vor der Wende waren es mehr als 700 Marken. Das brachte eine Studie der Empirischen Gesellschaftsforschung Hamburg an den Tag.

Zu den Überlebenden gehören auch Halloren-Kugeln, Sandmännchen-Figuren, Kös­tritzer Schwarzbier, Florena Körperpflege, Seiffener Kunsthandwerk, Bautzner Senf oder Geithain Lautsprecher. Sie alle haben den Sprung in die Marktwirtschaft erfolgreich geschafft.

Retro-Trend macht Türen auf

Noch ein bekannter Name hat überlebt. Rotkäppchen-Sekt. Überlebt ist eigentlich total untertrieben. Denn jede dritte heutzutage in Deutschland verkaufte Sektflasche kommt aus einem der vier gesamtdeutschen Rotkäppchen-Standorte.

Die Verbraucher in Ostdeutschland hielten dem Prickelwasser die Treue, die Produktion wurde ausgebaut. Es konnte am Ende sogar hinzugekauft werden: So gehören seit einiger Zeit auch die bekannten West-Marken „MM“, „Mumm“ und „Geldermann“ zum Rotkäppchen-Imperium mit Sitz in Freyburg (Sachsen-Anhalt), das jetzt 300 Mitarbeiter beschäftigt.

Die ehemaligen DDR-Marken feiern heute erstaunliche Erfolge, vor allem in den ostdeutschen Ländern. Christian Duncker, Verfasser der Hamburger Studie: „Es gibt einen starken Retro-Trend, der den Ostmarken viele Türen öffnet.“ So finden Internet-Nutzer fast täglich mehr Versand-Unternehmen, die ausschließlich Ost-Produkte verkaufen. Hier zwei von vielen: www.ostprodukte-versand.de und www.kaufhalle-des-ostens.de

Verbraucher-Analysen zeigen, dass die Ostdeutschen zu einer ausgeprägten Markentreue neigen. Das zeigt sich, wie Duncker sagt, am Beispiel Rotkäppchen: „Fast jeder zweite Ostdeutsche hat diesen Sekt im vergangenen Jahr getrunken. Bei den Westdeutschen ist es nur jeder Zehnte.“

Die Studie geht auch auf die Erfolgsgründe ein. Einmal sei es die hohe Bekanntheit aus der Vorwendezeit, zum anderen der im Vergleich zur WestKonkurrenz günstige Preis, dann die Qualität. Studien-Verfasser Duncker sieht noch Probleme: „Im Westen tun sich die Ost-Produkte sehr schwer.

Bis da die Verbraucher bewusst und dauernd die Ware aus den Regalen holen, werden noch einige Jahre vergehen. Die Unternehmen brauchen einen langen Atem.“

Werbung verstärken

Er empfiehlt daher: „Die wichtigen Medien, also Fernsehen, Zeitungen, Radio und zunehmend auch das Internet, sollten von den Ost-Marken verstärkt für die Kunden-Werbung genutzt werden.“

Nur so konnten Spee mit seinem Fuchs und Rotkäppchen mit dem schlanken Frauenrücken in Westdeutschland richtig bekannt werden.

Giesbert Wiegel

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