Baumärkte

Männer, aufgepasst: Frauen bohren dicke Bretter


...und zeigen bei der „Woman’s Night“, wo der Hammer hängt

Neuss. An den Löchern für die Lichtleiste lag’s, dass sie hier mitmacht – und an ihrem Mann. „Schatz, der Bohrhammer ist viel zu schwer für dich“, sprach der gutmütige Gemahl, „lass mich das mal machen.“ Dann verschwand das Heimwerker-Gerät aus Varina Schwerdtfegers Händen. Und sie war sauer.

Aber jetzt lässt die 27-Jährige den Bohrer aufheulen. „Ich will so was auch allein schaffen!“ In ihrer blauen Heimwerker-Latzhose macht sie heute Abend den Werkzeugführerschein – bei der „Woman’s Night“ eines Baumarkts in Neuss bei Düsseldorf. Mit ihr bohren, schleifen, fliesen, tapezieren und streichen 200 weitere Hobby-Handwerkerinnen.

Baumarkt-Umsatz: 1.077 Euro pro Kunde

Frühling 2012: Die deutsche Heimwerker-Seele erwacht aus dem Winterschlaf, und sie ist zunehmend weiblich. Jeder zweite Kunde in den aktuell 2.442 deutschen Bau- und Heimwerkermärkten ist eine Frau – und anders als früher „interessieren sie sich längst nicht mehr nur für Garten und Dekorationen“, betont Peter Wüst, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte.

Insofern hat sich was verschoben: Die Frauen, so Wüst, hätten sich im Kerngeschäft der Baumärkte „als wichtige Kundengruppe etabliert.“

Dass die deutsche Wirtschaft nicht unbedingt Hirngespinste verfolgt, wenn sie mehr Frauen für technische Berufe begeistern will – die Woman’s Night gibt eine Ahnung davon. „Eigentlich müsste man hier schon eine Kasse nach mir benennen“, scherzt die Baumarkt-Kundin Monika Hilse. Sie ist aus dem nahen Dormagen gekommen, um das Spektakel mitzuerleben.

Seit drei Monaten stemmt Hilse den Innenausbau ihres Hauses – in Eigenregie, zusammen mit ihrem Mann. „Handwerker sind uns einfach zu teuer“, sagt sie. „Das Sortiment der großen Baumärkte kommt uns da sehr gelegen.“

Megaläden groß wie drei Fußballfelder

Nirgendwo in Europa, auch das weiß der Branchenverband zu berichten, ist die Baumarkt-Dichte so hoch wie hierzulande. Und nirgendwo sonst wird so viel Geld fürs Heimwerken ausgegeben. Knapp 19 Milliarden Euro waren es letztes Jahr – das sind pro Einwohner rund 230 Euro. Bezogen auf die Zahl der Kunden, es gibt ja auch Heimwerkermuffel, sind es sogar 1.077 Euro.

Dabei hat die Branche klein angefangen. Der erste Baumarkt eröffnete 1960 in Mannheim, auf 250 Quadratmetern Verkaufsfläche. Inzwischen hat der durchschnittliche Baumarkt schon 7.000 Quadratmeter, das ist die Fläche eines Fußballfeldes, und es gibt auch schon Mega-Märkte mit 22.000 Quadratmetern – inklusive „Drive-in-Arena“, Handwerker-Service und der Qual der Wahl zwischen 120.000 verschiedenen Artikeln.

„In Deutschland ist das Haus oder die Wohnung ein Hort der Sicherheit“, sagt Anja Meyer von der „Do-it-Yourself-Academy“, einer Heimwerker-Bildungseinrichtung in Köln. „Und das wollen die Leute gemütlich und schön gestalten.“ Die Branche lebt davon: Ihre Kunden haben nach Feierabend noch richtig viel Power.

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