Wo investiert wird, hängt auch von den Arbeitskosten ab

Lohnstückkosten: Deutschland hat im globalen Wettbewerb an Boden verloren

Köln. In Deutschlands wichtigstem Industriezweig Metall und Elektro wie auch in der Chemiebranche laufen jetzt wieder Tarifverhandlungen. Zentraler Punkt: die künftige Höhe des Entgelts für insgesamt rund 4,3 Millionen Mitarbeiter am Standort D. Wer sich dafür interessiert, muss wissen: Arbeit in der deutschen Industrie ist im internationalen Vergleich schon jetzt sehr teuer.

Einer, der das gut beurteilen kann, ist Ökonom Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Er lenkt den Blick zunächst auf die reinen Arbeitskosten, die er kürzlich wieder für mehr als 40 Industriestaaten verglichen hat. Dabei geht es nicht etwa nur ums Brutto, sondern zum Beispiel auch um die Sozialaufwendungen der Betriebe – bis hin zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

„Was Arbeit alles in allem pro Stunde kostet, spielt bei Standortentscheidungen ja eine wichtige Rolle“, erklärt Schröder.

Produktivität ist nicht mehr so stark ortsgebunden

Denn: „Moderne Anlagen, die man irgendwo auf die ,grüne Wiese' hinstellen kann, machen bei entsprechendem Know-how des Investors die Produktivität zumindest teilweise mobil.“

Nun kostete im westdeutschen verarbeitenden Gewerbe 2013 die Arbeitnehmerstunde fast 39 Euro. Nur fünf Staaten sind teurer (darunter die Schweiz) – aber 38 Länder billiger.

In den USA zum Beispiel ist industrielle Arbeit für knapp 26 Euro die Stunde zu haben, in Ostdeutschland für etwa 24 Euro, in Südkorea für rund 17 Euro, in Brasilien für weniger als 8 Euro. China ist mit rund 4,50 Euro übrigens teurer als Rumänien und Bulgarien.

Mahnendes Fazit des IW-Experten: „Westdeutschland hat Arbeitskosten zu tragen, die gut ein Viertel höher sind als im Durchschnitt der fortgeschrittenen Industrieländer.“

Moment mal: Unsere Fachkräfte sind ja im internationalen Vergleich auch ungewöhnlich produktiv, hauen pro Stunde also mehr weg als Mitarbeiter von Werken im Ausland. Muss das nicht auch berücksichtigt werden?

„Natürlich“, bestätigt Schröder, „das ergibt dann die sogenannten Lohnstückkosten.“ Die gelten als wichtiges Maß für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. „Und wir haben da sowohl 2012 als auch 2013 wieder an Boden verloren: Die Lohnstückkosten sind bei uns in beiden Jahren etwa doppelt so stark gestiegen wie im Schnitt der etablierten Konkurrenz.“

Unter 26 klassischen Industriestaaten hatte Deutschland laut IW-Rechnung 2013 die vierthöchsten Lohnstückkosten. Teurer waren nur England, Italien und Norwegen. „Im Schnitt ist die Konkurrenz ein Zehntel günstiger“, stellt Schröder fest: Unsere höhere Produktivität macht die höheren Kosten also nur teilweise wett.

Wobei Länder wie etwa China oder Südkorea in diesem Vergleich (noch) fehlen: „Es gibt da zur Produktivität leider keine verlässlichen oder schlicht gar keine statistischen Daten“, erläutert der Ökonom.

Dass es nicht nur um wissenschaftliche Theorie geht, sondern um tägliche unternehmerische Entscheidungen, macht aktuell eine IW-Umfrage klar: Knapp 3.000 Firmen wurden befragt, warum sie nicht kräftiger in Deutschland investieren.

Hohe Kosten sind „starkes Hemmnis“

Ergebnis: Jenseits der politischen und konjunkturellen Großwetterlage nehmen diverse hausgemachte Nachteile die Lust aufs Investieren hierzulande. Nicht zuletzt eben: „Hohe Arbeitskosten“ – die sind für jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) ein „starkes Investitionshemmnis“.


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