Job-Sicherung

Kurzarbeit ist der Chemie lieb und teuer


Letztes Jahr 250 Millionen Euro – ein Beispiel aus Nordhessen

Alsfeld. Die Krise traf letztes Jahr auch Frank Schepp, den Betriebsratsvorsitzenden des Lack-Herstellers Ernst Diegel. „Ich habe über acht Monate hinweg etwa 300 Euro weniger netto in der Tasche gehabt – aber zu Hause sind die Kosten für Heizung, Versicherung und Lebensmittel unverändert weitergelaufen.“

Der Verzicht rettete ihm den Arbeitsplatz. So ging es allen 80 Beschäftigten des Familienbetriebs im nordhessischen Alsfeld. „Eine gute Sache“, sagt Schepp heute.

Im März 2009 sah es düster aus. Die Nachfrage nach den Lacken, die Diegel für Glaswaren und das Interieur von Autos fertigt, war eingebrochen, der Umsatz um 35 Prozent gefallen. Gemeinsam zogen Geschäftsleitung und Betriebsrat die Reißleine: Die Löhne wurden, gemäß Öffnungsklausel im Tarifvertrag, vorübergehend um 10 Prozent gekürzt. Auch die Geschäftsführung kürzte ihr Salär, verzichtete zudem auf alle „Boni“.

Und weil all das bei weitem nicht reichte, um die Stammbelegschaft komplett an Bord zu halten, gab es keine Alternative: Kurzarbeit für alle!

Arbeitgeber stocken auf

Ob in der Fertigung, im Labor oder im Büro: Um 20 Prozent wurde die Arbeitszeit verringert. Der Staat zahlt in diesem Fall Kurzarbeitergeld – 60 (mit Kindern: 67) Prozent des ausgefallenen Netto-Arbeitsentgelts. Die Chemie geht noch weit darüber hinaus: Sie stockt es auf 90 Prozent netto auf. So steht es im Tarifvertrag – und hier gibt es keine Ausnahme für Notfälle. Die Erfahrung zeigt, dass diese Klausel für die Unternehmen schnell zu teuer werden kann – und deshalb steht sie jetzt in der Tarifrunde auf dem Prüfstand.

Diese Zuschüsse sind nicht alles, erklärt Jörg Warning, der kaufmännische Geschäftsführer der Firma Diegel. „Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Altersvorsorge und Arbeitgeber-Beitrag zur Sozialversicherung – das alles zahlen wir trotz Kurzarbeit in voller Höhe weiter.“

Zwar wird die Hälfte der Sozialbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden später erstattet. Doch auf dem Rest bleibt der Betrieb sitzen. Was allein das ausmacht, weiß der Steuerberater Rainer Hansche aus Bensheim bei Mannheim: „Dadurch verteuern sich die verbleibenden Arbeitsstunden bei 20 Prozent Kurzarbeit um 3 Prozent. Bei 50 und 80 Prozent Kurzarbeit sind es 12 und 47 Prozent.“ Seit Juli 2009 übernimmt der Staat ab dem siebten Monat die vollen Arbeitgeber-Sozialbeiträge für die Ausfallzeit.

Ähnlich wie Diegel machten es viele Betriebe in Deutschland. Die Kurzarbeit in Betrieben des Chemie-Tarifs, der auch Teile der Kunststoff-Verarbeitung und der Gummi-Industrie umfasst, wurde 2009 auf bis zu 68.000 der 550.000 Beschäftigten ausgeweitet, im Dezember gab es noch 18.000 Kurzarbeiter mit im Schnitt einem Viertel Arbeitsausfall.

Hohe Fixkosten

Der Arbeitgeberverband BAVC in Wiesbaden bezifferte jetzt die Kosten der Kurzarbeit für seine Mitglieder 2009: „Eine Viertel Milliarde Euro – konservativ gerechnet.“ Eine schwere Last, zumal die Krise ohnehin teuer ist.

Die Firma Diegel etwa muss trotz allem weiter die Maschinen warten, Rohstoffe kaufen, Energie und Versicherungen zahlen. Die Lack-Produktion ist kaum weniger aufwendig, wenn ein Kunde 500 statt 1.000 Kilo will. Die Fixkosten verschlingen hier 80 Prozent des Umsatzes.

Zum Glück ziehen die Aufträge jetzt langsam an. „Seit Januar bekommen wir wieder den normalen Lohn“, freut sich Betriebsratschef Schepp. Kurzarbeit gibt es immer noch, soll aber die Ausnahme bleiben. „Sie ist ein prima Instrument in der Krise“, so Geschäftsführer Warning. „Aber ein gesundes Unternehmen tut gut daran, sie nicht unnötig auszuweiten.“

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