Sozialstaat

Krankenstand: Auch wegen des Jobwunders bezahlen Betriebe immer mehr Geld für Fehltage

Berlin/Frankfurt. „Ich hab Rücken.“ Viele Deutsche leiden unter Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden, Hexenschuss. Bei der Krankenkasse DAK verursachte das Kreuz mit dem Kreuz zuletzt 326 Fehltage je 100 Versicherte. Vor fünf Jahren waren es erst 294 Tage.

Das Beispiel zeigt: Es gibt da ein Problem. Seit 2006 verzeichnen die großen Kassen AOK, BKK, DAK und TK durchweg steigende Krankenstände. Und die letzte Woche veröffentlichten Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, die alle 118 gesetzlichen Krankenkassen erfassen, bestätigen den Trend: Von Januar bis März lag der Krankenstand deutlich höher als ein Jahr zuvor.

Für die Unternehmen ist das teuer. Der größte Kostenblock lässt sich nur schätzen: Auf 90 Milliarden Euro jährlich beziffert die in Dortmund ansässige Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin den durch die Fehltage bedingten Produktionsausfall. Für den Rest gibt es genaue Zahlen.

Entgelt-Fortzahlung so hoch wie 4,3 Prozent Krankenkassen-Beitrag

In unserem Sozialstaat bekommt jeder Patient ja nicht nur die nötige Behandlung. Sondern auch, damit er nicht in ein finanzielles Loch fällt, in den ersten sechs Wochen weiterhin den vollen Lohn.

Die Entgelt-Fortzahlung ist die mit Abstand teuerste allein vom Arbeitgeber finanzierte Sozialleistung. Von 2006 bis 2014 sind die Ausgaben für Lohn und Sozialversicherungsbeiträge kranker Beschäftigter (die Statistik zählt hier auch den gesetzlichen Mutterschutz mit) um 21 Milliarden auf 51 Milliarden Euro gestiegen. Aktuellere Zahlen liegen hier noch nicht vor; Experten erwarten einen weiteren Anstieg.

Ein Vergleich zeigt, um wie viel es geht: „Hätte man diese Summe von 51 Milliarden Euro auf den Beitragssatz der Arbeitgeber zur Krankenversicherung umgelegt, wäre dieser im Jahr 2014 um 4,3 Prozentpunkte höher ausgefallen“, rechnet Anne Scholz vor, Referentin für Soziale Sicherung beim Arbeitgeber-Dachverband BDA in Berlin.

Da relativiert sich die Kritik an der für Arbeitgeber gedeckelten Finanzierung der Kassenbeiträge: Sie zahlen 7,3 Prozent des Bruttolohns, die Arbeitnehmer aktuell je nach Versicherung 7,6 bis 9 Prozent (inklusive „Zusatzbeitrag“).

Und auf die 51 Milliarden Euro Entgelt-Fortzahlung kommen rechnerisch noch 3,5 Milliarden Euro Krankengeld obendrauf. Wer länger als sechs Wochen arbeitsunfähig ist, dem zahlt die Krankenkasse danach noch bis zu 72 Wochen 70 Prozent des letzten Bruttolohns, das sind derzeit maximal 2.966,25 Euro im Monat. Das summierte sich 2014 auf 10,6 Milliarden Euro, fast doppelt so viel wie 2006. Vom Gesamtbudget der Krankenkassen (inklusive Beiträge von Rentnern und Selbstständigen) kommt insgesamt ein Drittel von den Arbeitgeber-Beiträgen.

Psychische Leiden nicht verbreiteter als früher

Dass die Firmen-Aufwendungen für Fehltage so stark gestiegen sind, ist auch Folge des Jobwunders. „Erstens hat die Zahl der Beschäftigten in den letzten Jahren stetig zugenommen, und zweitens steigen die Löhne“, erklärt Professor Ferdinand Gerlach, Chef des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“. Also können mehr Menschen krank werden, die dann auch mehr Ausfall-Geld als früher beziehen.

„Und drittens“, fügt Gerlach an, „arbeiten die Deutschen länger als früher. Ältere haben nun mal ein höheres Risiko, längerfristig zu erkranken.“ So stellte die Generation 55 plus im September 2015 schon 5,6 Millionen Beschäftigte, zehn Jahre zuvor waren es 2,9 Millionen. Sie kommen im Schnitt auf 29 Tage Arbeitsunfähigkeit im Jahr, bei den Kollegen unter 35 Jahren sind es 11 Tage. Deshalb wird – am längeren Arbeiten führt ja kein Weg vorbei – das Gesundheitsmanagement in den Betrieben zum großen Thema.

Fast jede sechste Krankschreibung erfolgt wegen psychischer Leiden. Das ist häufiger als früher, weshalb oft die vermeintliche „Arbeitsverdichtung“ als eine Ursache angeführt wird. Doch es ist wohl eher ein Ausdruck besserer medizinischer Versorgung: „Es gibt heute nicht mehr psychisch kranke Menschen als etwa vor 10 oder 20 Jahren“, sagt Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit der Asklepios-Klinik in Hamburg-Harburg. „Sie werden aber besser diagnostiziert und weniger stigmatisiert.“

Was also kann man tun? Dem Gesundheitsminister liegt dazu ein dickes Gutachten seines Sachverständigenrats auf dem Tisch. Der wichtigste Vorschlag lautet: Kranke auch vor vollständiger Genesung zurück in den Betrieb. „Wer Grippe hat, gehört ins Bett. Aber mit einem Bänderriss sind einige Stunden Büroarbeit eventuell möglich“, so der Ratsvorsitzende Gerlach. Eine Teilkrankschreibung zu 25, 50 oder 75 Prozent, auf freiwilliger Basis, soll die Rückkehr erleichtern.


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