Schätzerkreis legt bald die Zahlen auf den Tisch

Krankenkassen: 2016 steigt der Zusatzbeitrag

Radiologie im Einsatz: Künftig müssen die ­Kassen mehr Maßnahmen zur Früherkennung ­finanzieren. Foto: Variopress

Berlin/Köln. Der Tag der Abrechnung kommt Mitte Oktober: Welche Einnahmen können im nächsten Jahr die gesetzlichen Krankenkassen erwarten, und was werden sie ausgeben müssen?

Wenn der sogenannte Schätzerkreis dazu seine Zahlen vorlegt, wird es spannend: Der ermittelt nämlich, wie groß die Lücke zwischen den erwarteten Ausgaben auf der einen und den Beiträgen plus Steuerzuschuss auf der anderen Seite sein wird.

Die Rechnung geht so: 14,6 Prozent vom Lohn teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer von Gesetzes wegen. Der Bund gibt seinen Teil – nächstes Jahr 14 Milliarden Euro. Schließlich legt jede Kasse ihren Zusatzbeitragssatz fest, um über die Runden zu kommen. Von den 123 machen davon derzeit 120 Gebrauch. Im Schnitt zahlen Arbeitnehmer heute 0,83 Prozent ohne Zutun des Chefs, tatsächlich schwankt der Satz aber je nach Kasse zwischen 0 und 1,3 Prozent.

 

Notwendig wird der Zusatzbeitrag, weil die Kassen trotz jährlicher Einnahmen von mehr als 200 Milliarden Euro und obwohl der Arbeitsmarkt brummt, immer tiefer in die Miesen rutschen. Nach dem ersten Quartal meldeten sie 170 Millionen Euro Defizit, zur Jahresmitte schon eine halbe Milliarde. Der Kostendruck schlägt wieder durch: Seit 2010 legten die Ausgaben pro Kopf um 3,5 Prozent im Jahr zu, die beitragspflichtigen Einkommen dagegen um 2,7 Prozent, rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) vor.

Die Aussicht auf höhere Zusatzbeiträge lässt in der Politik einen alten Streit wieder aufflammen: Man solle „die Parität der Finanzierung wieder herstellen“, sagt etwa Karl Lauterbach, Gesundheitspolitiker der SPD. Sprich: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen in gleicher Höhe an den kompletten Kosten beteiligt werden.

Doch wäre das für die Beschäftigten langfristig ein Vorteil? Jochen Pimpertz vom IW stellt das infrage. Sein Argument: Ohne den Zusatzbeitrag in seiner bisherigen Form würde der Kostendruck noch größer. „Die Preisunterschiede zwischen den Kassen sind ja politisch gewollt und ökonomisch sinnvoll“, erklärt der Volkswirt. „Der Versicherte kann in eine günstigere Kasse wechseln. Den Vorteil hat ganz allein er, der Arbeitgeber kriegt davon nichts.“

Genau das solle einen möglichst hohen Anreiz schaffen, teuren Kassen den Rücken zu kehren. Angst um die Qualität der ärztlichen Versorgung hält Pimpertz für unbegründet. „Alle Kassen versichern doch den gleichen Leistungskatalog.“

Und je höher der Preiswettbewerb, desto größer der Anreiz für die Kassen, effizient zu wirtschaften: durch weniger interne Kosten, vor allem aber durch clevere Verträge etwa mit Ärzten oder Versorgungszentren. Auf diesen Wettbewerb „sollte endlich auch die Politik vertrauen“ – und höhere Zusatzbeiträge mit einer möglichst großen Spreizung zulassen.

Allerdings: „Billiger wird die Krankenversicherung nicht mehr“, sagt Pimpertz. Ein Grund ist unter anderem die demografische Entwicklung. Obendrauf sattelt der Gesetzgeber noch zusätzliche Ausgaben. Ab dem kommenden Jahr verpflichtet das Präventionsgesetz beispielsweise die Kassen, mehr Maßnahmen zu Vorbeugung und Früherkennung zu finanzieren.


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