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Kohleausstieg? Von wegen …

Klimaschutz: Deutschland streitet über das Ende der Kohle, in Asien wird gebaut

Wann steigt Deutschland aus dem Kohlestrom aus? Der Streit darüber kocht kurz vor der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz bei Demos und in der Kohlekommission hoch. In Asien dagegen werden munter fossile Kraftwerke gebaut.

Kraftwerk in China: Die Volksrepublik stößt 30 Prozent des weltweiten Klimagases aus. Foto: dpa

Kraftwerk in China: Die Volksrepublik stößt 30 Prozent des weltweiten Klimagases aus. Foto: dpa

Kraftwerkbau vor Boom: Pakistan und andere Schwellenländer haben große Pläne. Foto: Getty

Kraftwerkbau vor Boom: Pakistan und andere Schwellenländer haben große Pläne. Foto: Getty

Protest gegen den Abbau von Braunkohle: Baumhaus im Hambacher Forst im Rheinland. Foto: Getty

Protest gegen den Abbau von Braunkohle: Baumhaus im Hambacher Forst im Rheinland. Foto: Getty

Berlin. Deutschland streitet um den Kohlestrom. Im Rheinland protestieren Umweltschützer mit Baumhäusern gegen den Braunkohlenabbau im Hambacher Forst. Zehntausende gehen deshalb auf die Straße. Und ebenfalls Zehntausende demonstrieren für den Tagebau, für die Kohleverstromung und ihre Jobs.

Der Kampf um den Ausstieg aus der Kohleenergie ist voll im Gang. Heiß debattiert wird darüber auch in der 28-köpfigen Kohlekommission. Von der Bundesregierung eingesetzt, soll sie ein Enddatum vorschlagen. Gleichzeitig bauen und planen Länder wie China, Indien und Vietnam in großem Stil neue Kohlekraftwerke. Von wegen Ausstieg! Die Bauvorhaben sind so riesig, dass Experten befürchten, sie könnten das vor drei Jahren in Paris von 195 Ländern vereinbarte Klimaziel gefährden.

850 Milliarden Tonnen CO2 sind noch erlaubt

Und doch werden die 6.000 Delegierten bei der UN-Klimakonferenz, die Anfang Dezember im polnischen Kattowitz stattfindet, voraussichtlich über andere Fragen debattieren. Sie sollen sich endlich auf gemeinsame Vollzugsregeln, Maßeinheiten und Berechnungsformeln einigen, damit das Klimaabkommen von Paris wirksam umgesetzt werden kann. Damals, 2015, hatten die Staaten vereinbart, den globalen Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) so einzudämmen, dass die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 1850 auf unter 2 Grad Celsius begrenzt wird, möglichst auf nur 1,5 Grad. Schon jetzt hat sich der Blaue Planet um 1 Grad aufgeheizt.

Freigesetzt wird das Klimagas beim Verbrennen von Kohle, Öl und Erdgas in Kraftwerken, Industrieanlagen oder Autos. Etwa 850 Milliarden Tonnen CO2 darf die Menschheit noch ausstoßen, will sie die Zwei-Grad-Grenze nicht gefährden.

Fast 1.300 Kohlekraftwerke sind in Bau oder Planung

Das klingt nach unendlich viel. Doch die enormen Bauvorhaben von Schwellenländern für Kohleblöcke werden da zum Risiko, warnt das Mercator Research Institut zu globalen Gemeinschaftsgütern und Klimawandel in Berlin. Forscher Jan Steckel: „Kraftwerke mit insgesamt mehr als 600 Gigawatt Leistung sind im Bau oder geplant!“ Fast 1.300 Projekte.


Einmal am Netz laufen sie in der Regel 40 Jahre. „Zusammen mit den schon existierenden Kraftwerken würden sie mehr als ein Drittel der noch erlaubten Menge Klimagas ausstoßen“, rechnet Steckel vor. Ähnlich viel werden absehbar der heutige Bestand an Industrie und Gebäuden, der Verkehr und die Landwirtschaft emittieren. Der Experte: „Für zusätzliche Emissionen etwa durch Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum bleibt da kaum noch Luft.“

Kumpel bangen um Jobs, Betriebe um die Strompreise

Diese Warnung dürfte auch die Kohlekommission im Blick haben, die über mögliche Ausstiegsdaten diskutiert. Genannt werden da 2035, 2038 und 2040.

Und die Bundesregierung macht Druck. Gerne würde sie bei der Klimakonferenz in Kattowitz einen Termin vorweisen können. Aber auch ohne den Zeitdruck steht die Kommission vor einer Herausforderung. Ihre Zwickmühle: Ein schneller Ausstieg ist gewünscht. Doch die Energiekonzerne fürchten um Umsätze, die Industrie sorgt sich um die Strompreise, die Kumpel bangen um die Arbeitsplätze und die Regionen zittern vor dem Strukturwandel.

Was das konkret bedeutet, haben Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft für den „Klimaschutzplan“ der Regierung durchgerechnet. Der schreibt den Versorgern vor, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 60 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Das ist noch kein Ausstieg, hat aber enorme Folgen: Braunkohlefirmen und Zulieferern drohen binnen 20 Jahren insgesamt 100 Milliarden Euro Einbußen beim Produktionswert. In der Branche, bei Lieferanten, in Geschäften der Regionen sind dann 72.000 Jobs gefährdet.

Bis Ende 2022 gehen die letzten sieben Kernkraftwerke vom Netz

Ein rascher Kohleausstieg wird zudem die Strompreise steigen lassen, warnt Professor Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. „Zum Teil werden teure Erdgas-Kraftwerke den preiswerten Braunkohlestrom ersetzen. Das macht Strom langfristig um bis zu 4 Cent je Kilowattstunde teurer.“ Den Effekt fürchten Deutschlands Industriebetriebe, die schon jetzt mit den dritthöchsten Strompreisen im globalen Wettbewerb bestehen müssen. 

Sie bangen zugleich um die Versorgungssicherheit, so Frondel: „Bis Ende 2022 gehen auch die letzten sieben Kernkraftwerke vom Netz!“ Vor allem die energieintensiven Branchen wie Chemie-, Baustoff-, Papier-, Nichteisen-Metall- und Stahl-Industrie (880.000 Jobs) fürchten um ihre Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherheit der Arbeitsplätze. Diese Branchen sind durch das hohe Klimaschutzziel der EU auch direkt in der Produktion gefordert. Während ihre Wettbewerber in China oder Indien wegen der weniger ehrgeizigen nationalen Klimapläne kaum in der Pflicht sind.

Ein Preis für Kohlendioxid macht Klimaschutz leichter

Wie aber kriegt man den Klimaschutz besser, einfacher und global fairer hin? Viele Ökonomen plädieren dafür, den Treibhausgas-Ausstoß weltweit mit einem Preis zu versehen. „Müssen jedes Kraftwerk und jeder Betrieb weltweit denselben Preis für den CO2-Ausstoß zahlen, gehen alle unter gleichen Bedingungen in den Wettbewerb“, erklärt Experte Frondel. „Zum Verringern des Ausstoßes erhöht man sukzessive diesen globalen Preis.“

Systeme mit einem CO2-Preis gibt es schon: Die EU hat einen Handel für Verschmutzungsrechte, zehn US-Bundesstaaten ebenfalls. Und China testet ihn im Energiesektor. Das könnte der Welt neue Wege im Klimaschutz öffnen.

So funktioniert der Emissionshandel:

Leipziger Energiebörse: Hier werden die Verschmutzungszertifikate für Klimagas gehandelt. Foto: dpa
Leipziger Energiebörse: Hier werden die Verschmutzungszertifikate für Klimagas gehandelt. Foto: dpa
  • An der Leipziger Energiebörse EEX (Foto) werden sie gehandelt: die Verschmutzungszertifikate, die viele Unternehmen brauchen, die in der EU eine Tonne Klimagas ausstoßen wollen. 12.000 Kraftwerke, Betriebe und Airlines benötigen sie; Verkehr und Gebäude nehmen nicht am Emissionshandel teil.
  • Die Firmen erhalten die Rechte teils umsonst, teils per Versteigerung. Und können damit handeln.
  • Die Idee dabei: Wer den Klimagas-Ausstoß kostengünstig verringern kann, kann überschüssige Rechte verkaufen; wem Reduzieren nur zu hohen Kosten möglich ist, kauft Papiere zu. So passiert Klimaschutz da, wo er am billigsten ist. Die Idee dafür entwickelte ab Mitte der 1970er Jahre der Ökonom William Nordhaus. Nun wird er dafür mit dem Nobelpreis geehrt.
  • Und das Klimaschutzziel? Das erreicht die EU, indem sie die Zahl der ausgegebenen Zertifikate verringert. Derzeit sinkt die Menge jährlich um 1,74 Prozent, vom Jahr 2021 an um 2,2 Prozent.

Mehr zum Thema:

In der nördlichsten Zechen-Region Deutschlands wird Ende 2018 nach 500 Jahren der Steinkohle-Bergbau endgültig eingestellt. Der Strukturwandel ist ein Großprojekt, an dem seit langer Zeit gearbeitet wird.

aktualisiert am 02.01.2018

Um 24 Prozent hat Deutschland seinen Klimagas-Ausstoß zwischen 1990 und 2014 gesenkt. Und andere Staaten? Mit ein paar Klicks auf diese interaktive Grafik finden Sie das im Nu heraus – für alle Länder der Welt.

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