Der große Poker

Klimakonferenz in Paris: Vereinte Nationen ringen um einen Vertrag gegen die Erderwärmung

Berlin/Essen. Wie heiß darf es auf der Erde noch werden? Die Antwort auf diese Menschheitsfrage soll die Welt-Klimakonferenz geben, die in wenigen Tagen in Paris beginnt. 40.000 Politiker, Experten und Beobachter von allen Kontinenten werden zwölf Tage lang um ein Abkommen ringen, das von 2020 an den globalen Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) eindämmen soll.

Das Klimagas wird bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas in Kraftwerken, Industrieanlagen oder Autos freigesetzt. Es hat die Erde seit dem Jahr 1850 bereits um 0,8 Grad Celsius erwärmt.

Auf der Konferenz droht ein riesiger Verteilungskampf

Mehr als zwei zusätzliche Grad dürfen es nicht werden – sagen Wissenschaftler. Die sieben führenden Industriestaaten (G7), zu denen auch Deutschland zählt, stimmen zu. Dieses Zwei-Grad-Limit in ein verbindliches Abkommen zu gießen, klappte bei den letzten Konferenzen nicht. In Paris aber muss es gelingen. Sonst wird es nichts mit dem Ziel, ab 2020 den Ausstoß von CO2 weltweit zu begrenzen. Für die Delegierten aus 194 Nationen beginnt in Paris auch ein riesiger Verteilungskampf.

„Denn immer geht es bei dem Poker auch um nationale Interessen, um Wachstumschancen für Wirtschaft und Industrie und damit letztlich um Arbeitsplätze“, sagt Anne Feldhusen, Referentin Energie- und Klimapolitik beim Industrieverband BDI. Etwa 1.000 Milliarden Tonnen Treibhausgas darf die Menschheit noch ausstoßen, ohne die Zwei-Grad-Grenze zu gefährden. Klingt viel, doch bei den jetzigen Emissionen bleiben damit gerade noch 28 Jahre Zeit.

Zwar haben 146 Staaten der Vereinten Nationen (Uno) bereits nationale Ziele für den Klimaschutz gemeldet. Genau darin liegt das Problem: Jeder legt seine Obergrenze selbst fest. Dieses Verfahren ist nach den Misserfolgen der bisherigen Gipfel der kleinste gemeinsame Nenner. Den gewünschten Erfolg bringt es nicht: Wenn diese Pläne umgesetzt werden, bedeutet das immer noch 2,7 Grad Erwärmung.

Christiana Figueres, Chefin des Uno-Weltklimasekretariats, verbreitet dennoch Zuversicht: „Wir bewegen uns in die richtige Richtung. Aber es reicht noch nicht.“ Jetzt ist die Frage: Wer bessert seine Ziele noch nach?

Ohne die Schwellenländer geht an dem Punkt in Paris nichts. China hat seinen Kohlendioxid-Ausstoß seit 1990 auf das Vierfache gesteigert, nach neueren Daten womöglich auf das Viereinhalbfache. Indien hat ihn fast verdreifacht. Beide Staaten wollen wirtschaftlich weiter wachsen und dafür beim CO2-Ausstoß zulegen.

„Entwicklungsländer müssen mehr Verantwortung und Aufwand auf sich nehmen als früher. China und Indien sind dabei Schlüsselkandidaten“, kritisiert BDI-Expertin Feldhusen. „Der Klimaschutz hat Schlagseite“, sagt sie und fordert mehr Fairness: „Globale Probleme müssen auch global gelöst werden. Das vermeidet einseitige Wettbewerbsnachteile für Unternehmen.“

Zurzeit aber sind die Europäische Union und die Deutschen die Vorreiter. Um 27 Prozent senkte Deutschland seine Emissionen seit 1990, mehr als jedes andere Land der Welt. In fünf Jahren sollen schon minus 40 Prozent zu Buche stehen. Und auch die EU hat hohe Ziele.

Diese Ungleichheit gefährde die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, erklärt Professor Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. Zum einen bürdeten die strengen Richtlinien der EU den Betrieben höhere Energiekosten auf. „Deshalb investieren Stahlfirmen bei uns nicht mehr in neue Hochöfen.“

Zum anderen leiden kleine und mittlere Betriebe unter der kostspieligen Förderung des Ökostroms, sagt Frondel. „Ein deutscher Unternehmer zahlt die Hälfte mehr für Strom als sein Wettbewerber in Frankreich und doppelt so viel wie der Konkurrent in den USA.“

Die Industrie erhofft sich daher vom Gipfel eine fairere Lastenverteilung. Denn die Betriebe hierzulande haben den Energieaufwand je Produkteinheit in den letzten 25 Jahren schon um 40 Prozent gesenkt. China aber verbraucht sechsmal so viel Energie für die gleiche Wirtschaftsleistung wie Deutschland. Immerhin: China und weitere Schwellenländer haben angedeutet, über die eingereichten Klimapläne hinausgehen zu können.

Preis für Kohlendioxid erleichtert Klimaschutz

Es gibt also Stoff genug für Debatten in Paris. Wie den Klimafonds. Ab 2020 soll er Entwicklungsländern mit jährlich 100 Milliarden Dollar beim Klimaschutz helfen.

Oder die völkerrechtliche Verbindlichkeit des Abkommens. Vor einer vertraglichen Verpflichtung schrecken die USA zurück. Die EU und Deutschland sind dafür.

Einfacher ließe sich die Erde schützen, würde der Klimagas-Ausstoß global mit einem Preis versehen, der langfristig steigt. „Müssen jedes Kraftwerk und jeder Betrieb Zertifikate für den CO2-Ausstoß kaufen, werden die Emissionen da gemindert, wo das am preiswertesten und effektivsten ist“, erklärt Ökonom Frondel.

Die Industrie hofft nun, dass der Kohlendioxid-Preis als wichtiges Instrument im Abkommen verankert wird. Je mehr Länder daran teilnehmen, desto mehr machen sich die Vorleistungen der Industrie beim Energiesparen bezahlt. Und umso sicherer sind die Jobs!

Das Zwei-Grad-Ziel

  • Um mehr als zwei Grad Celsius soll sich die Erde gegenüber der Zeit vor der Industrialisierung nicht erwärmen. Das Ziel gab der Klimagipfel im mexikanischen Cancún 2010 vor.
  • Sonst drohen unumkehrbare Folgen, warnt die Wissenschaft: Fluten, Überschwemmungen, Stürme, Hitzewellen und sich verschiebende Klimazonen.

Mehr zum Thema:

Wo in aller Welt wurde im Jahr 2013 das meiste Kohlendioxid in die Luft geblasen? Wie stark haben die Emissionen aller Länder zu- oder abgenommen? Und wo liegt Deutschland im internationalen Vergleich? Hier erfahren Sie es interaktiv.

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