Krankenkassen

Kleinliches Hickhack statt großer Wurf


Teuer und nutzlos: Die neue Gesundheitskarte enthält nicht mehr Infos als die alte. Foto: ddp

Das elektronisch vernetzte Gesundheitswesen scheitert bislang an Detailfragen

Berlin. Wer dieser Tage einen etwas dickeren Brief von seiner Krankenkasse bekommt, findet darin aller Wahrscheinlichkeit nach die neue „Gesundheitskarte“. 140 Millionen Euro zahlen die Kassen nach eigenen Angaben für die Ausgabe. Das Lesegerät, für 120.000 Kassenärzte, kostet 850 Euro.

Bis Jahresende bekommen zunächst sieben Millionen Deutsche Post. Es gibt nur ein Problem: Der Speicherchip der bereits 2002 angeleierten Karte enthält keine einzige Info, die nicht schon auf der alten steht.

Der Datenschutz ist attestiert

„Eigentlich sollte die Karte so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Medizin-IT sein“, erklärt Projektleiter Ingo Bettels von der KKH Allianz, einer der größten Krankenkassen. „Es ist kein Geheimnis, dass wir gerne schon mehr Funktionen auf der Karte gehabt hätten.“

Der Chip sollte nicht nur Anschrift und Geburtsdatum speichern, sondern auch verschriebene Arzneien und Angaben über Allergien. Und Ärzte sollten ihn als elektronischen Schlüssel nutzen können, um über das Internet in die Krankenakte der Klinik oder in den Röntgen-Befund zu schauen. Dass der Datenschutz gewahrt würde, hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik attestiert.

All das könnte das Gesundheitswesen viel effizienter machen – und viel billiger. Für die technische Umsetzung gründeten Ärzte, Krankenhäuser und Kassen 2005 die „Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte“ (Gematik). Doch die kommt nicht zu Potte. „Die wichtige Online-Anbindung kann wohl frühestens in zwei bis drei Jahren realisiert werden“, berichtet KKH-Allianz-Experte Bettels.

„Den Trend nicht verpassen“

Die Akteure streiten sich untereinander und mit ihrer gemeinsamen Firma, welche Daten wie getauscht werden sollen: Die nun verteilte Karte enthält noch nicht mal einen Notfall-Satz. An dem Detail, ob dieser auch über einen Organspender-Ausweis Auskunft geben soll, zerstritt sich im Frühjahr der zuständige Gematik-Ausschuss.

Hilflos preisen Gematik und Gesundheitsministerium das Foto auf der neuen Karte, das immerhin Versicherungsbetrug erschwere. „Ein Foto hatte auch schon mein Schülerausweis vor 30 Jahren“, ätzt ein hochrangiger AOK-Manager aus Süddeutschland, der ungenannt bleiben will.

Doris Pfeiffer, Chefin des Kassen-Spitzenverbandes, fürchtet schon öffentlich, in zwei Jahren alle Karten und Geräte noch einmal tauschen zu müssen, um kommende Funktionen einzubinden.

Derweil geht die private IT-Wirtschaft längst eigene Wege: So kann jedermann mit dem Microsoft-Angebot „Health Vault“ Befunde und Untersuchungsberichte speichern und seinen Ärzten online zugänglich machen. „Der Bedarf für elektronische Patientenakten ist da“, sagt Pablo Mentzinis vom IT-Verband Bitkom. „Wir müssen aufpassen, dass wir in Deutschland diesen Trend nicht verpassen.“

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