Interview: Wie reagiert man auf plumpes Palaver?

Klaus-Peter Hufer, Experte für Stammtischparolen: „Man muss auch mal Stopp sagen“

Essen. Sie begegnen uns überall im Alltag, meist plötzlich und unerwartet: Stammtischparolen. Professor Klaus-Peter Hufer, Politik- und Bildungswissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen, bietet Argumentationstraining gegen plumpes Palaver. Die Nachfrage ist groß wie nie.

Woran erkennt man eigentlich Stammtischparolen?

Es geht immer um Pauschalierung und Verallgemeinerung. Meist schwingt Selbstüberheblichkeit mit – und Verachtung, vor allem gegen Minderheiten.

Und was sind derzeit die häufigsten Parolen?

„Ausländer nehmen uns die Jobs weg“ etwa. Oder: „Asylbewerber sind versteckte Islamisten.“ Parolen richten sich aber keineswegs nur gegen Migranten. Sondern auch zum Beispiel gegen Homosexuelle – oder alle, die nicht der eigenen Norm entsprechen.

Können sie auch aus dem linken Spektrum kommen?

Klar. Oft stecken einfach Verschwörungsfantasien dahinter, entsprechende Parolen können aus allen Richtungen kommen: Viele behaupten, wir würden von einer Macht aus Politik, Wirtschaft und Medien regiert und dirigiert. Die meisten Parolen haben aber ausländerfeindliche, rassistische, sexistische und demokratieverachtende Inhalte.

Wo ziehen Sie die Grenze?

Meinungsfreiheit steht außer Frage. Es ist aber besorgniserregend, dass extreme Sprüche so viele Befürworter finden. Daher sollte man unbedingt auf die Parolen reagieren, jetzt im Zuge der Flüchtlingsdebatte noch viel mehr als früher.

Sie bieten dazu ja Argumentationsseminare …

… 400 habe ich seit dem Jahr 2000 schon gemacht, die Resonanz ist in letzter Zeit massiv gestiegen: Es melden sich Organisationen, Institutionen und Initiativen aus ganz Deutschland, auch aus Österreich und der Schweiz. Darunter sind alle möglichen Bildungsträger, Kirchen und Medien, aber beispielsweise auch die Feuerwehr. Etliche Seminare übernehmen auch von mir ausgebildete Trainer und Trainerinnen.

Was genau lehren Sie da?

Ich führe nur ins Thema ein – dann erarbeiten sich die Teilnehmer selbst Strategien. Sie üben etwa in Rollenspielen, wie man auf Vorurteile, die immer hinter den Parolen stehen, reagieren kann. Mit guter Gesprächsführung kann man viel erreichen. Und vielen verschafft es ein besseres Gefühl, wenn sie auf eine Parole etwas aktiv entgegnen, anstatt sich davonzuschleichen.

Und wenn Reden nichts bringt?

Ich rate dazu, möglichst sachlich, aber hartnäckig und konsequent zu diskutieren. Und auch mal „Stopp!“ zu sagen, etwa wenn der andere behauptet: „Das sind alles Verbrecher.“ Dagegenhalten in verschiedener Form: Das kann man üben.

Versagt da die Schule?

Im Politik-Unterricht wird oft nur überprüfbares Wissen vermittelt. Man müsste Schüler mehr darin stärken, argumentieren zu lernen und selbst Positionen zu finden.

Wer ist besonders empfänglich für Stammtischparolen?

Im Grunde jeder. In den Rollenspielen fällt es fast allen leicht, Parolen zu vertreten. Und viel schwerer, Gegenargumente zu finden. Offenbar sind viele Simpel-Botschaften schon in unserem Unterbewusstsein.

Warum sind uns einfache Botschaften so willkommen?

Unsere Welt ist komplex, verändert sich sehr schnell. Traditionelle Werte und Institutionen geraten ins Wanken. Das überfordert viele. Parolen vermitteln Stabilität, weil sie einfache Lösungen anbieten.

Kann man die Stammtischparolen ernsthaft eindämmen?

Je mehr Menschen den Wortführern Paroli bieten, desto eher hinterfragen auch andere, die noch schweigend und abwartend dabeisitzen, mal eine allzu einfache „Wahrheit“.


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