Medikamente gegen das Vergessen

Kampf gegen Alzheimer und Demenz läuft auf Hochtouren

Frankfurt. „Wie heißen Sie?“ „Auguste.“ „Familienname?“ „Auguste.“ „Wie heißt Ihr Mann?“ „Ich glaube … Auguste.“ Dieses Gespräch zwischen Arzt und Patientin wurde weltberühmt. Geführt hat es der deutsche Psychiater Alois Alzheimer im Jahr 1901 in Frankfurt. Später beschrieb er damit die schwerste Form der Demenz, die 1910 nach ihm benannt wurde. Bis heute suchen Forscher nach einem Medikament dagegen.

Für die „Volkskrankheit Vergessen“ gibt es bis heute keine Heilung. Weltweit leiden 47 Millionen Menschen an Demenz, so die neueste Studie der Internationalen Alzheimer Gesellschaft. Aufgrund des demografischen Wandels wird ihre Zahl bis 2050 auf 132 Millionen ansteigen. In Deutschland wären dann etwa 3 Millionen Menschen betroffen – allein die Pflege ist ein gigantisches gesellschaftliches Problem.

Auguste, beim Ausbruch der Krankheit 51 Jahre alt, veränderte sich sehr rasch, wie ihr Mann Karl Deter damals berichtete. Nach 28 Jahren glücklicher Ehe behauptete sie plötzlich, er sei mit einer Nachbarin spazieren gegangen – was nicht stimmte. Auguste wurde erst misstrauisch, dann ließ ihr Gedächtnis nach. Zwei Monate später konnte sie das Essen nicht mehr zubereiten, lief planlos umher, fürchtete sich und versteckte Gegenstände.

Die Ursache für Alzheimer, der mit fortschreitender Zerstörung der geistigen Fähigkeiten und der Persönlichkeit einhergeht, ist nach wie vor unklar. Heute weiß man, dass ein Symptom spezielle Eiweiß-Ablagerungen (Amyloid-Beta) im Gehirn sind. Für die Behandlung sind vier Medikamente zugelassen. Sie können den Verfall bis zu zwei Jahre hinauszögern, aber nicht stoppen.

Einer der Wirkstoffe (Memantine) wurde vom Pharma-Unternehmen Merz in Frankfurt entwickelt. Intensiv sucht die Pharma-Industrie nach neuen Therapien und kassiert dabei herbe Rückschläge. Fast 1 Milliarde Euro hat zum Beispiel das Schweizer Pharma-Unternehmen Roche (drei große Standorte in Deutschland) in die Demenz-Forschung investiert. Laut Verwaltungsratspräsident Christoph Franz sei man im Vergleich zu Krebs trotzdem noch „mindestens 10 bis 15 Jahre im Rückstand“.

Er will das Entstehen von Alzheimer „deutlich hinauszögern“ und die „Geschwindigkeit der Degeneration des Gehirns verlangsamen“. Sein Traum? „Verhindern, dass so eine Krankheit wie Alzheimer entsteht.“ Auch bei AbbVie in Ludwigshafen, Boehringer Ingelheim bei Mainz und Probiodrug in Halle läuft die Forschung auf Hochtouren.

Der Erfolg würde sich finanziell lohnen: Der weltweite Markt für die Alzheimer-Behandlung wächst jährlich um 10,5 Prozent, so das US-Beratungsunternehmen Global-Data. 2023 könnte er ein Volumen von 12 Milliarden Euro haben. Laut Pharmaexperten der Deutschen Bank würde ein Mittel, das tatsächlich heilt, einen Umsatz von 18 Milliarden Euro bringen. Aktuell sind weltweit 14 Medikamente mit neuen Wirkstoffen am Start, die in absehbarer Zeit auf den Markt kommen könnten.

Ein Hoffnungsträger ist der Wirkstoff Solanezumab von Eli Lilly. Der US-Pharmakonzern mit einem Sitz in Bad Homburg hat sich der Krankheit quasi verschrieben: Die deutsche Tochter kaufte bereits 1995 das Geburtshaus von Alzheimer in Marktbreit bei Würzburg und machte daraus ein Museum. Heute kann man das Mikroskop und Hirnschnitte der ersten Alzheimer-Patientin Auguste Deter ansehen.


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