Ungewöhnliche Ausländerbehörde

Kampf dem Fachkräftemangel: Wie das Hamburg Welcome Center Zuwanderern den roten Teppich ausrollt


Hamburg. Manchmal vermisst sie die Sonne. Und Familie und Freunde natürlich, die daheimgeblieben sind in Jordanien. Aber sonst? „Sonst ist alles großartig bei euch, ihr Deutschen seid großartig, so wahnsinnig organisiert! Hier will ich bleiben und arbeiten!“, sagt Alia al Hadid.

Die 22-Jährige sitzt in einem Amtszimmer des „Hamburg Welcome Centers“, gerade hat Mitarbeiter Arne Kirschner ihr mit den Meldeformularen geholfen.

Eigentlich ist das Center eine Ausländerbehörde. Nur: Hier wartet niemand auf Holzhockern, kein „Der Nächste bitte“ knarzt blechern aus Lautsprechern. Stattdessen nehmen Besucher Platz in azurblauen Polstersesseln, bis ein Amtsmitarbeiter sie persönlich abholt – „what can I do for you?“

Und: „Zum Info-Desk schreitet man über einen roten Teppich – als Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Zuwanderern“, sagt Center-Chef Günther Wielgoß.

Beratung in allen Alltagsfragen

Gemeint sind Zuwanderer wie Alia al Hadid. Denn die junge Logistik-Expertin gehört zur klassischen Klientel des Welcome Centers: gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte, Wissenschaftler, Studenten, auch Künstler und Sportler. Bei entsprechender Qualifikation können sie hier ihren Aufenthaltstitel beantragen, sich bei der Suche nach einer Wohnung, Kindergartenplatz oder in Alltagsfragen beraten lassen.

2030 werden in Deutschland rund 5,2 Millionen Fachkräfte fehlen, sagt die Bundesagentur für Arbeit

Das Ziel der vor sechs Jahren eingerichteten behördlichen Komfortzone liegt auf der Hand. „Wir wollen den Fachkräftemangel der hamburgischen Wirtschaft bekämpfen“, bringt Amtsleiter Günther Wielgoß die Sache nüchtern auf den Punkt.

Fachkräftemangel – mit dem Problem schlägt sich ja bekanntlich nicht nur der Stadtstaat herum.

Ein paar Fakten: Bundesweit fehlen derzeit 40.000 Ingenieure, dazu etwa 30.000 Pfleger, Tausende Lehrer, Ärzte, Erzieher, Mechaniker. Insgesamt hat allein die Bundesagentur für Arbeit 445.000 offene Stellen im Schaufenster – und kennt längst nicht jede. Das Problem wird größer: 2030 werden laut Bundesagentur 5,2 Millionen Fachkräfte fehlen.

Da hilft nur mehr Bildung, längere Lebensarbeitszeit – und qualifizierte Zuwanderung. Und da sah’s zuletzt gar nicht mal schlecht aus: Galt Deutschland, allem wirtschaftlichen Glanz zum Trotz, lange nicht gerade als Sehnsuchtsziel von Arbeitnehmern aus aller Welt, wanderten 2012 nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 966.000 Ausländer ein. Rechnet man die Fortzüge gegen, bleibt ein Zuwanderungssaldo von 387.000 Menschen.

Zwei Drittel der Einwanderer kommen dabei aus der EU. Top-Talente aus Drittstaaten wie Indien dagegen machen um Deutschland oft noch einen Bogen. Zwar senkte die Bundesregierung die Einwanderungshürden für Qualifizierte zuletzt deutlich. Große Auswirkungen hat dies noch nicht ­gehabt.

Ein Grund dafür: das abschreckende Behördendickicht. „Statt Zuwanderer von Amt zu Amt zu schicken, sollte ein Migrationsberater ihnen den Weg durch den Dschungel zeigen“, fordert daher Manfred Schmidt, der Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Im „Hamburg Welcome Center“ setzt man exakt dort an. „Wir heißen Neubürger hier so willkommen, wie wir uns das selbst im Ausland wünschen würden“, sagt Center-Chef Wielgoß.

Hamburger Modell wird bundesweit kopiert

Neben viel Wohlfühl-Atmosphäre setzt man auf das „One-Stop-Shop“-Prinzip. „Wir sind die Anlaufstelle, wo der Kunde alles erledigen kann.“

Das Konzept gilt als vorbildhaft, nach Köln, Greifswald oder Dresden eröffnete unlängst auch Essen eine Blaupause. Und: Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft fluppt. „Wir werden oft von Firmen gefragt, wie sie einen indischen Programmierer ins Land holen können“, so Wielgoß.

Oder eine jordanische Logistikerin wie Alia al Hadid. Die anfängliche Skepsis ihrer neuen Heimat gegenüber ist verflogen, in ein paar Tagen fängt sie in einer ­Verpackungsfirma an. Und übers Welcome Center sagt sie: „Ich kam hier rein und sagte, hallo, ich bin Alia. Und das Erste, was ich hörte, war: ­Herzlich willkommen!“

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Hintergrund

Die Zahl der Asylanträge ist stark gestiegen

  • Nicht nur Hochqualifizierte finden in Deutschland Aufnahme, sondern auch Menschen, die vor Verfolgung oder Krieg fliehen müssen. So stellten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge von Januar bis August 62.000 Menschen hierzulande einen Erstantrag auf Asyl. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2007 gab es nur 19.000 Erstanträge.
  • Die meisten Anträge wurden von Menschen aus der Russischen Föderation gestellt (12.672). Auf Rang zwei liegt Syrien (6.549), gefolgt von Serbien (4.840).
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