Moderne Produktion

Kaizen bringt den Leitz-Ordner auf Linie


Esselte Leitz setzt auf Arbeitsphilosophie aus Japan

Stuttgart. Ein papierloses Büro, weil alles über den Computer läuft? Das bleibt wohl auch im Internet-Zeitalter für die meisten ein Traum. Denn allein beim Büroausrüster Esselte Leitz in Stuttgart laufen pro Jahr mehr als 30 Millionen Ordner vom Band. „Nimmt man unsere anderen europäischen Werke hinzu, sind es sogar noch viel mehr, die – wo auch immer in der Welt – Platz in einem Regal finden werden“, so Gunther Van de Velde, Personalchef Europa bei Esselte Leitz und verantwortlich für die rund 300 Mitarbeiter im Werk in Stuttgart.

Dort steht die Wiege der klassischen Büro-Ordner. 1896 erfindet Louis Leitz den traditionellen Ordner. Wegen der Zuverlässigkeit und Widerstandsfähigkeit der neuen Mechanik wird der Name Leitz hierzulande zum Synonym für Ordner schlechthin.

Mehr als 100 Jahre später, steht der Name nach wie vor für getestete Qualität im Bürobereich und speziell bei den Lochern gilt das Unternehmen noch heute als Technologie- und Marktführer.

Der Billig-Konkurrenz trotzen

Doch der Markt für Büroartikel ist hart umkämpft. Discounter bieten Artikel zu Schnäppchenpreisen an, für die in Deutschland nicht produziert werden kann. „Unsere einzige Chance, mit der Ordnerproduktion hier zu bestehen, ist die Verbindung höchster Qualität – gekoppelt mit Effizienz in der Produktion sowie einem guten Marketingkonzept“, sagt Van de Velde.

Die Kundenbeobachtung spielt deshalb bei Esselte Leitz eine sehr große Rolle. Durch gezielte Umfragen und Marktanalysen versucht man, Kundenwünschen auf die Spur zu kommen. Die Produkte fallen auf durch ein tolles Design, passen durchgängig zueinander vom Ordner bis zu Locher und Tacker.

Bestimmte Serien sprechen durch peppige Formen und Farben speziell Jugendliche an. „Wir wollen in unserem Bereich die Besten sein. Also versuchen wir bei Innnovation und Design immer aktuell zu sein und uns an Trends zu orientieren“, erläutert Produktdesignerin Belkis Colak.

Innovationen sollen dem Kunden zusätzliche Vorteile verschaffen. So bietet die neueste Ordnergeneration „180°“ eine neue Abheftmechanik, die komplett umgelegt werden kann (180 statt der bisher üblichen 90 Grad). Papier kann so nicht nur rechts, sondern auch links von der Mechanik abgelegt werden. „Eine echte Zeitersparnis bei der Büroarbeit“, weiß Van de Velde.

Sensation in der Papierverarbeitung

Auch in der Produktion dreht sich alles um Effizienz und Zeitersparnis. Vor fünf Jahren wurde in Stuttgart Kaizen eingeführt.

Was für viele Betriebe in der Automobil- und der Zuliefer-Industrie fast schon selbstverständlich ist, kommt in der papierverarbeitenden Industrie einer kleinen Sensation gleich: „Wir sind die Ersten in unserer Branche, die diese japanische Arbeits- und Lebensphilosophie in allen Unternehmensbereichen umsetzen“, erklärt nicht ohne Stolz der Kaizen-Beauftragte Dieter Szedlak.

Wurden früher viele Ordner vorproduziert und aufwendig gelagert, um auf Kundenanfragen schnell reagieren zu können, wird heute nur hergestellt, was auch bestellt wurde. Es wird sogar schneller geliefert, direkt zum Kunden, ohne Zwischenlager.

Logistik und Produktion wurden komplett umstrukturiert. Jetzt ist das alles kein Problem mehr. Um die Maschinen für die Fertigung von breiten auf schmale Ordner umzurüsten, benötigte man früher acht Stunden, eine komplette Schicht. „Heute klappt das in wenigen Minuten, weil nicht mehr der Anlagenführer allein dafür verantwortlich ist, sondern alle mit anfassen“, erklärt Szedlak.

Teamarbeit kommt an

Ana Akalovic arbeitet seit zwölf Jahren bei Leitz: „Noch vor wenigen Jahren haben wir Produktionshelfer die Maschinen nie angerührt und nur gemacht, was uns gesagt wurde. Heute sind wir ein Team, in dem jeder feste, genau beschriebene Aufgaben hat. So geht die Arbeit schneller von der Hand, und sie macht viel mehr Spaß.“

Aktuell brummt die Produktion im Dreischichtbetrieb. In den letzten Monaten und zu Beginn eines Jahres sind Büroordner besonders gefragt. „Jetzt wird richtig rangeklotzt. Im neuen Jahr können wir dann wieder auf die Nachtschicht verzichten“, weiß Produktionsleiter Peder H. Jensen.

Dank Flexibilität und der hohen Produktivität kann der Leitz-Ordner auch heute noch in Stuttgart hergestellt werden. Van de Velde: „Und wir alle hier arbeiten hart daran, dass das so bleibt.“

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