Tarifeinheit

Jetzt reicht’s


Vergleichsweise gut bezahlt: Eine Vorfeldaufsicht muss keinen Berufsabschluss mitbringen. Foto: dpa

Warum winzige Gewerkschaften dem Standort D gefährlich werden

Frankfurt/Köln. Wo sie arbeiten, ist es laut. Und sie dürfen keine groben Fehler machen – sonst wird’s schnell teuer. Viel mehr fällt einem aber auch nicht ein, wenn es um die Arbeit der Vorfeldaufsicht am Frankfurter Flughafen Fraport geht. Wer da fünf oder mehr  Jahre am Steuer eines „Follow-Me“-Wagens gesessen hat, verdient im Schnitt 42.000 Euro pro Jahr. Nicht schlecht für einen Anlernberuf, oder?

Von wegen, meint die kleine Gewerkschaft der Flugsicherung: Knapp 20.000 Euro mehr müssten es schon sein – und weniger Arbeitszeit. Damit ergibt sich laut Fraport eine Tarifforderung für die „Senior Vorfeldaufsicht“ von mehr als 60 Prozent. Um solche Forderungen durchzudrücken, streikten die gut 200 Betroffenen. Mit gravierenden Folgen: Bis Redaktionsschluss fielen 1.500 Flüge aus.

England als warnendes Beispiel

„Das Beispiel zeigt, wie schnell einige wenige Mitarbeiter volkswirtschaftliche Schäden in vielfacher Millionenhöhe verursachen können“, sagt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Professor Michael Hüther. „Ohne Rücksicht auf Verluste sollen hier Forderungen durchgesetzt werden, die völlig überzogen sind.“

Dass es dazu kommen konnte, ist auch dem Bundesarbeitsgericht geschuldet. Es hat sich 2010 vom altgedienten Grundsatz der „Tarifeinheit“ verabschiedet. Das konnten die Richter, weil die alte Regel „ein Betrieb, ein Tarifvertrag“ ebenfalls erst durch die Rechtsprechung entstanden war.

Die Wirtschaft mahnte nach der juristischen Kehrtwende politisches Handeln an: Zu groß sei die Gefahr, dass sich immer mehr Spezialisten in Mini-Gewerkschaften einigeln, um extreme Zuwächse zu erstreiken – was das Gehaltsgefüge insgesamt störe und den Betriebsfrieden in Gefahr bringe. „Was im Extremfall passieren kann, zeigt uns das England der 70er-Jahre“, warnt Hüther.

Dort gab es damals knapp 500 Einzelgewerkschaften und entsprechend viele Streiks. Im extremen „Winter der Unzufriedenheit“ 1978/79 stellten sogar die Totengräber in Liverpool ihre Arbeit ein …

Nun kann man bei uns das frühere Prinzip der Tarifeinheit vielleicht nicht einfach in ein Gesetz schreiben: Da drohen verfassungsrechtliche Probleme. Denkbar sind aber neue Vorgaben, eine einheitliche Friedenspflicht etwa oder obligatorische Schlichtungsverfahren.

Hafenarbeiter sind schon auf dem Sprung

Streiks könnten künftig nur nach Zustimmung der Mehrheit aller Mitarbeiter erlaubt sein. Es könnte aber auch anteilige Mindestgrößen für Gewerkschaften geben, die in einem Betrieb mitreden wollen. „Es besteht jedenfalls dringender Handlungsbedarf für den Gesetzgeber“, sagt Hüther.

Dass die Zeit drängt, zeigt auch das Beispiel Contterm. Diese Mini-Gewerkschaft ist Ende 2009 von Hafenarbeitern im Container-Terminal Hamburg gegründet worden. Und sie hat ein klares Ziel, wie die Contterm-Spitze bestätigt: „Wir streben einen eigenen Lohntarifvertrag an.“

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang