Energie

Jetzt kommt der Sonnenstrom


Neue Kraftwerke bringen die Solarenergie voran

Der Sommer 2009 könnte in die Ge­schichte eingehen. Nicht wegen des Wetters, sondern weil just in diesem Sommer das „Solarzeitalter“ be­ginnt. So verkündet es Eon-Chef Wulf Bernotat für den Düsseldorfer Energieriesen. Der steigt groß in die Solartechnik ein und steckt Milliarden in die „Aufholjagd“ bei der Sonnenenergie. Das Ziel: „Projekte im industriellen Maßstab“.

Auch Wettbewerber RWE ist massiv dran. Gemeinsam mit dem Erlanger Hersteller Solar Millenium bauen die Essener ein Solarwärme-Kraftwerk in Südspanien, „Andasol 3“. Die beiden je 300 Millionen Euro teuren 50-Megawatt-Vorläufer versorgen heute etwa 400.000 Menschen mit Sonnenstrom.

Plötzlich ist sie da, die Sonnenenergie. Schon gehen Strom- und Industrieriesen ein Jahrhundert-Projekt – vergleichbar der Mondlandung – an: Für 400 Milliarden Euro wollen zwölf Partner bis 2050 im Norden Afrikas und im Nahen Osten Hunderte Sonnenwärme-Kraftwerke hochziehen und da­mit Nordafrikaner und Araber, aber auch Europäer mit Strom versorgen. 15 Prozent des Safts in Europas Leitungen soll dann Sonnenstrom aus der Sahara sein.

Gewaltige Mengen an Energie

Der Name des Projekts: Desertec. Es könnte zum neuen Gold der Wüste werden. „Die Wüsten-Sonne liefert ein Vielfaches dessen an Energie, was die Men­schen pro Jahr verbrauchen – und zwar sehr gleichmäßig und zuverlässig“, schildert der Ingenieur Franz Trieb vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart das gewaltige Potenzial. Heute kann man diese Energie anzapfen und als Sonnenstrom kostengünstig nach Europa transportieren. Trieb und seine Kollegen haben es im Auftrag des Umweltministeriums durchgerechnet. „Eine Fläche von 50 mal 50 Kilometern würde ausreichen, ganz Deutschland mit Sonnenstrom zu versorgen.“

Doch was für die einen ein „Jahrhundert-Projekt“ und für die Unternehmen ein Riesengeschäft ist, kritisieren andere als „Fata Morgana“, „reine Utopie“ und „teure Zukunft“. Was ist nun dran am Wüstenprojekt? Ist es reine Schwärmerei oder eine machbare Vision? AKTIV erklärt die Fakten.

  • Versorgungssicherheit. Hier tut sich Neues. Statt kleiner Sonnenparks mit 1 bis 5 Me­gawatt Leistung sind nun Kraftwerke mit 50 bis 100 Megawatt möglich. Und die eignen sich erstmals auch für die Versorgung von Industrie. Denn anders als Wind- und Sonnenenergie bisher liefern Solarwärme-Kraftwerke Strom nicht mehr unregelmäßig, sondern rund um die Uhr.
    Der Trick: „Man speichert tagsüber Wärme in einer Salzschmelze oder Beton und betreibt damit die Dampfturbinen nachts weiter“, erklärt DLR-Experte Trieb. „Da­durch kommt man in der Sahara bei 4.000 Sonnenstunden auf et­wa 7.000 Stunden Laufzeit im Jahr. So kann man das ganze Jahr gesicherte Leistung liefern.“
  • Transport. Er ist auch über Distanzen von 3.000 Kilometern und mehr wirtschaftlich machbar. „Man muss es nur mit Gleichstrom statt wie üblich mit Wechselstrom machen“, schildert Hervé Touati, Geschäftsführer bei der Eon Climate & Rewenables. „Dann kann man die Verluste auf 10 bis 15 Prozent begrenzen. Die Trassen brauchen weniger Platz.“ Und Elektrosmog gibt es dabei keinen.
  • Strompreis. Er hängt nicht mehr am Auf und Ab des Kohle-, Gas- oder Ölpreises, denn die Sonne gibt es um­sonst. Allein die Kosten für den Bau der Kraftwerke be­stimmen den Preis. Doch da steht der Sonnenstrom zurzeit noch nicht so gut da. 15 bis 23 Cent kostet die Kilowattstunde heute, viel mehr als aus dem Kohlekraftwerk. Zwar werden Kraftwerke und Energie mit jeder neuen Anlage preiswerter.
    „Dennoch braucht die Technik am Anfang womöglich einen Anschub durch einen höheren Preis, der auf alle Stromkunden umgelegt wird, ähnlich wie bei den Solarzellen auf den Dächern“, erläutert DLR-Mann Trieb.

Stromintensive Branchen wie die Chemie freut diese Aus­sicht natürlich nicht. „Weitere zusätzliche Belastungen können die Unternehmen nicht verkraften“, warnt schon jetzt Jörg Rothermel, der Energie-Experte beim Verband der Chemischen Industrie in Frankfurt. Die Branche hat hierzulande ohnehin bereits die zweit­höchsten Strompreise in Europa zu schultern, gibt der Fachmann zu bedenken.

Bis zu einer halben Million Jobs

Doch bis der erste Strom aus der Sahara hierher fließt, wird es noch etwas dauern. 2020 soll es so weit sein. Schon vorher aber dürfte die neue Sonnenära für Jobs sorgen.

Derzeit sind Kraftwerke mit 500 Megawatt Leistung im Bau, weitere Anlagen für 8.000 Megawatt sind in Planung. Kein Wunder also, dass das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie hier langfristig mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze für möglich hält. Da darf das Sonnenzeitalter ru­hig kommen …

So funktionieren Sonnenwärme-Kraftwerke

Bei Sonnenstrom denken die meisten zuerst an Solarzellen. Sie finden sich auf Dächern sowie in Solarparks (Kleinkraftwerke). Die Module wandeln Sonnenlicht direkt in elektrischen Strom um und kommen dabei im Jahresdurchschnitt auf 10 bis 12 Prozent Wirkungsgrad.

Solarwärme-Kraftwerke dagegen arbeiten mit Parabol-Spiegeln. Die bündeln das Licht der Sonne auf eine in ihrem Brennpunkt verlaufende Röhre oder auf die Spitze eines zentralen Turms. Dort erhitzt das Sonnenlicht ein Spezialöl, das über Wärmetauscher Wasser verdampft. Der Dampf treibt die Turbinen eines normalen Wärmekraftwerks an. Sie erzeugen den Strom. Ergebnis sind bis zu 15 Prozent Jahres-Wirkungsgrad.

Der Saft vom Dach wird bald konkurrenzfähig

Direkt verwandelt. Mit uns wird Sonne Strom.“ Fußball-Na­tionalspieler Lukas Po­dolski wirbt mit diesem Slogan  für den Photovoltaik-Hersteller So­larworld und zeigt: Das mit dem Strom  vom  eigenen  Dach  ist ganz einfach. „Wie im Fußball geht die ganze Energie direkt ins Netz“, erklärt Frank H. Asbeck, Vorstandschef des Bonner Un­ternehmens: „Mo­du­le aufbringen, Sonne anzapfen, Strom ins Netz speisen.“

Doch wegen der Krise klappt das Zuspiel bei der Photovoltaik derzeit nicht wie gewohnt. Und das trotz Förderung. Zwar versüßt Vater Staat die private Stromernte mit einer Einspeisevergütung von derzeit 43 Cent je Kilowattstunde für 20 Jahre (an der Steckdose kostet die gleiche Menge nur 21 Cent!). Dennoch ist Solarstrom nach wie vor eher eine Sache investitionswilliger Häuslebauer.

Das könnte sich bald ändern. Denn der Markt schwächelt, chinesische Hersteller drängen mit ihren Produkten hierher, das Angebot übersteigt die Nachfrage – kurz: die Preise sinken. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dann kommt der große Augenblick der Netz­parität bei der Photovoltaik.

Fieberhafte Arbeit an billigeren Modulen

„Das ist der Moment, von dem an der Sonnenstrom vom Dach für den Verbraucher ge­nauso teuer oder sogar billiger ist als der Strom aus der Steckdose“, erklärt Asbeck. „2012 dürfte es so weit sein.  Bis dahin müssen die Module noch etwa 15 bis 20 Prozent günstiger werden“, rechnet der Unternehmer vor. Bei unter 3 Euro je Kilowattstunde lohnt sich das „private Kraftwerk“ langfristig auch oh­ne För­derung.

Hersteller wie Solarworld und Q-Cells arbeiten deshalb fieberhaft an effizienterer Produktion und preiswerteren Modulen. Allein die Bonner (über 1.800 Be­schäftigte, rund 900 Millionen Euro Umsatz   im Jahr 2008) bauen bis Ende 2010 für satte 700 Millionen Euro zwei neue Fabriken. Denn eines ist klar: So­bald der Sonnenstrom konkurrenzfähig ist, explodiert der Markt. Asbeck: „Dann legt das Sonnenzeitalter richtig los.“

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Schlagwörter: Strom Innovationen

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