Duales System stinkt

Ist der grüne Punkt reif für die Tonne?

Gelber Sack: Bei den Mengen wird massiv getrickst. Foto: dpa

Berlin. Aus der Sicht der Verbraucher läuft alles reibungslos: Verpackungen mit dem grünen Punkt landen in der gelben Tonne. Doch hinter den Kulissen der Recyclingbranche knirscht es. Man spricht sogar von Betrug.

Das Duale System, das im Auftrag der Hersteller den Verpackungsmüll recycelt, steckt in Geldnöten. Joghurtbecher, Getränkedosen oder Milchtüten im Gesamtgewicht von weit über zwei Millionen Tonnen werden jährlich von den Haushalten entsorgt.

„Obwohl die Menge seit Jahren konstant bleibt“, sagt Andreas Bruckschen, Geschäftsführer vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft in Berlin, „erwirtschaftet das Duale System immer weniger Geld.“ Rund 350 Millionen Euro im Jahr würden fehlen. Grund dafür ist der Rückgang an lizensierten Verkaufsverpackungen. Das sind die Mengen, die nach Angaben der Hersteller innerhalb eines Jahres in der gelben Tonne landen sollen.

Und bei diesen Mengenangaben wird „schlichtweg betrogen“, sagt Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft von der Deutschen Umwelthilfe in Berlin. Getrickst werde vor allem bei der sogenannten Eigenrücknahme. Sie ist Bestandteil der Verpackungsverordnung und erlaubt es dem Handel, den Müll gleich an Ort und Stelle einzusammeln – etwa im Supermarkt. So spart er teure Lizenzkosten für die Entsorgung über den gelben Sack oder die gelbe Tonne.

„Aber oft landen diese Verpackungen in Wahrheit eben doch in der gelben Tonne“, sagt Fischer. Für das Einsammeln und das Recycling sind bundesweit zehn duale Systeme verantwortlich. Finanziert wird das alles aus den Lizenzeinnahmen von Handel und Herstellern. „Doch wird der Marktanteil künstlich kleingerechnet und ein großer Teil der Verpackungen als Eigenrücknahme deklariert, um sich vor den Systemkosten der Gelben-Sack-Sammlung zu drücken.“

Ein anderes Schlupfloch nutzen Großverbraucher: die Branchenlösung. Sie ermöglicht es zum Beispiel Hotels oder Krankenhäusern, ihren Müll selbst zu entsorgen.

Die Manipulationen setzen das ganze System immer stärker unter Druck. So sind bereits im ersten Quartal die angemeldeten Mengen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 25 Prozent eingebrochen und infolgedessen auch die Einnahmen.

Aus Sorge vor dem Zusammenbruch der Kreislaufwirtschaft blickt die Branche jetzt nach Berlin. Die Bundesregierung arbeitet an einer neuen Fassung der Verpackungsverordnung. Experte Fischer: „Hoffentlich gelingt es dann endlich, die Schlupflöcher zu schließen, sonst endet das gesamte System in der Tonne.“

Hintergrund

Was recycelt wird

  • Laut Verpackungsverordnung sollen jährlich mindestens 65 Prozent der Verpackungsabfälle verwertet werden.
  • Die Recyclingquote für Kunststoff ­ liegt bei 36 Prozent. Aluminium- und Verbundverpackungen sollen zu 60 Prozent, Weißblech- und Papierverpackungen zu 70 und Glas zu 75 Prozent wiederverwertet werden.

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