„Die Lust am Neuen“

Interview: Was der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft anpacken will

Hochkarätiger Experte: Professor Wolfgang A. Herrmann, Präsident der TU München und Co-Vorsitzender des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft. Foto: Heddergott

München. Wie bleibt unser Land stark? Zu diesem Thema hat Arbeitgeberpräsident Alfred Gaffal den „Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft“ ins Leben gerufen. Im Juli gab es bereits den großen Kongress „Was Bayern morgen braucht“ mit einer wissenschaftlichen Leitstudie und Handlungsempfehlungen des Zukunftsrats. Hier beschreibt Professor Wolfgang A. Herrmann die künftige Arbeit des Gremiums, das er gemeinsam mit Gaffal leitet.

Professor Herrmann, eine Empfehlung des Zukunftsrats lautet: Die Wirtschaft sollte sich breiter aufstellen. Wie steht der Freistaat diesbezüglich heute da?

Bayerns wichtigste Branchen sind Auto-Industrie und Maschinenbau. Sie erhöhen seit Jahrzehnten ihr Engagement in Forschung und Entwicklung und konnten von der stark gestiegenen internationalen Nachfrage profitieren. Die Wirtschaft breiter aufstellen, heißt: Felder jenseits dieser Schwergewichte bestellen, die Grenzen zwischen unterschiedlichen Branchen und Technologien überwinden, Bio- und Gesundheitstechnologien fördern.

Und das Ganze eingebettet in die digitale Revolution.

Das ist die große Aufgabe: in die Produktionsprozesse und Serviceketten konsequent digitale Technologien einbauen. Für den, der da vorangeht, kann es ungeahnte Wettbewerbsvorteile geben. So gewinnt Bayern wirklich die Zukunft.

Der Zukunftsrat will Impulsgeber für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sein. Wo wird das besonders von Nutzen sein, wo liegt der Handlungsbedarf?

Überall da, wo wir geistiges Eigentum schaffen können. Know-how ist noch wertvoller als die Ausrüstungen für die Produktion, es bringt die nachhaltigsten Erträge.

Was heißt das konkret?

Wir müssen an der Produktbasis stark sein (etwa bei „intelligenten Werkstoffen“), bei methodischen Fortschritten (etwa in der Gentechnologie zu medizinischen Zwecken und in der „Weißen Biotechnologie“, der Chemieproduktion von morgen). Und bei den industriellen Produktionstechnologien: Sie müssen schnell, hochpräzise und reproduzierbar sein. Alle diese Neuerungen hängen an „Big Data“ – also aus großen Datenmengen kondensiertem Wissen, das über Simulationstechniken in Produkt-, Produktions- und Dienstleistungsvorteile umgewandelt wird.

Ein zentrales Thema des Zukunftsrats ist erklärtermaßen auch das Thema Bildung. Warum?

Mit Blick auf den Einzelnen ist entscheidend, dass wir die Lust am Neuen nicht verlieren. Die beständige Neugierde und das handwerkliche Geschick, die das „German Engineering“ ausmachen. Zudem fordert uns die demografische Verknappung heraus: Es gilt, jedes einzelne Talent zu fördern – und auch kompetente Fachkräfte aus dem Ausland zu holen, also Leute, die etwas können. Die berufliche und akademische Bildung sind das zentrale Lebenselixier der Technologienation Deutschland. Und Bayern hat hier mit seinem Schul-, Hochschul- und Wirtschaftssystem eine exzellente Basis.

Wo liegen die größten Gefahren für den Standort Bayern?

Zum einen wie gesagt darin, dass wir uns auf die tradierten Industriesektoren zu sehr verlassen. Aber zum anderen auch darin, dass die unternehmerische Grundeinstimmung in der Bevölkerung zu schwach ausgeprägt ist! Wir sind angesichts unserer wirtschaftlichen Erfolge risikoscheu geworden. Und erkennen zu selten, dass das Sozialsystem nur so lange hält, wie wir wirtschaftlich erfolgreich, das heißt auf den internationalen Märkten konkurrenzfähig sind. Auch hier will der Zukunftsrat Impulse setzen. Bayern muss unternehmerisch ticken – und international!


Professor Wolfgang A. Herrmann

Auf dem Kongress „Was Bayern morgen braucht“: Professor Wolfgang A. Herrmann und Alfred Gaffal, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (erste Reihe, von links). Foto: Bodmer
Auf dem Kongress „Was Bayern morgen braucht“: Professor Wolfgang A. Herrmann und Alfred Gaffal, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (erste Reihe, von links). Foto: Bodmer
  • Seit 1995 ist der aus dem niederbayerischen Kelheim stammende Chemiker Präsident der Technischen Universität München.
  • Er gehört zu den meistzitierten deutschen Chemikern, seine Fachgebiete sind die Metallorganische Chemie und die Katalyse; h-Faktor 95H (ISI Web of Science).
  • 2014 rief Alfred Gaffal, der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, den Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft ins Leben. Professor Herrmann und Gaffal leiten das Gremium, das mit hochkarätigen ­Experten aus der Wissenschaft besetzt ist.

Mehr zum Thema Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft:

Digitalisierung und Globalisierung verändern Geschäftsmodelle und Gesellschaft rasant. Damit Bayern ein Wirtschafts- und Technologiestandort ersten Ranges bleibt, wurde der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft gegründet.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang