Hallo Sozialpartner – geht da was?

Interview: Die Chefs von Arbeitgeberverband und Gewerkschaft zur Zukunft der Ost-Chemie

Berlin. Starke Betriebe, gute Arbeit – über den Weg dorthin streiten sie leidenschaftlich. Und müssen ihn am Ende doch gemeinsam in Verhandlungen festlegen. Hier tauschen sie sich aus: Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie, und Oliver Heinrich, Landesbezirksleiter Nordost der IG BCE.

Was muss passieren, damit sich die Ost-Chemie weiter gut entwickelt? Und was können Sie da gemeinsam gestalten?

Heinrich: Aus meiner Sicht geht es zum einen um die Bedingungen für Investoren, etwa bezahlbaren verlässlichen Strom oder gute lokale Infrastruktur. Und zum anderen geht es um die „Ressource Personal“: Wir müssen die Arbeits- und Tarifbedingungen so gestalten, dass wir Fachkräfte an die Chemie binden.

Kriegelsteiner: Okay. Aber das mit den Investitionen kriegen wir nur hin, wenn wir nicht weiter an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Nach den hohen Lohnzuwächsen haben wir da Rückschritte gemacht. Deshalb fließen jährlich rund 800 Millionen Euro in Maschinen und Anlagen – allein zum Erhalt der Produktionsmöglichkeiten bräuchten wir aber 1 Milliarde.

Attraktiv für Fachkräfte und zugleich wettbewerbsfähig – haben Sie Ideen, wie man das klug zusammenbringen kann?

Kriegelsteiner: Eine Schlüsselrolle spielt Weiterbildung. Unsere Branche muss in den nächsten Jahren viel tun, um Leute mit neuen Technologien vertraut zu machen. Die tollsten Innovationen nützen nichts, wenn sie aus der Pilotphase nicht in den Betrieben breit umgesetzt werden können. Ich glaube, da sind wir nah beieinander, oder?

Heinrich: Klar, da ist eine ganze Menge möglich. Letztlich geht es auch um gute Arbeitsbedingungen: Wenn wir dadurch noch mehr Begeisterung für die Arbeit wecken können, vielleicht den Krankenstand senken, Ältere länger leistungsfähig halten, dann ist doch allen gedient.

Kriegelsteiner: Beim Schlagwort „gute Arbeit“ ziehen die Arbeitgeber voll mit. Da gibt es keine Diskussionen. Aber ich wiederhole: Übertreibt es nicht bei den Kosten!

Das konstruktive Klima zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern ist ein Markenzeichen der Chemie. Was heißt für Sie „Sozialpartnerschaft“?

Heinrich: Ich bin damit groß geworden. Schon 1993, als Azubi-Vertreter bei BASF Schwarzheide, bekam ich mit, wie hier Konfliktmanagement funktioniert.

Kriegelsteiner: Ich kam als Quereinsteiger aus anderen Bereichen der Industrie – und habe in den letzten Jahren verinnerlicht, welchen Wert es darstellt, dass hier ein verlässlicher und vertrauensvoller Umgang existiert. Was ja den Streit in der Sache nicht ausschließt.

Heinrich: Auch nicht einen Arbeitskampf. Aber eben nur als letztes Mittel.

Ein großes Thema ist „Industrie 4.0“, die Digitalisierung der Produktion. Nehmen Sie das gemeinsam in den Blick? Was bedeutet es für die Jobs?

Heinrich: Ich habe keine Angst, dass uns der Kollege Roboter oder der Kollege Halbleiter ersetzen. Die Digitalisierung läuft ja schon länger, wir sind da oft weiter als Westdeutschland. Uns als IG BCE beschäftigt eher der Datenschutz: dass es durch Digitalisierung und Aufzeichnung zum gläsernen Mitarbeiter kommen könnte.

Kriegelsteiner: Ich glaube nicht, dass das ein Problem wird. Könnte nicht auch jemand, der heute als leistungsschwach gilt, in einer Industrie-4.0-Umwelt stärker sein? Etwa weil er nicht mehr die Deckel bei der Verladung wuchtet, sondern eine Überwachungsfunktion wahrnimmt? Die Digitalisierung ist für die Betriebe enorm wichtig. Wer da zu wenig investiert, könnte vom Markt gefegt werden.

Auch die Flüchtlingskrise fordert Sie. Kürzlich kündigten die Sozialpartner an, über die „Unterstützungskasse der chemischen Industrie“ bei der Berufsvorbereitung zu helfen.

Kriegelsteiner: Da müssen wir gemeinsam Zeichen setzen. Es geht auch um Schadensabwehr für das Image des Investitionsstandorts. Kürzlich hat Kanada aufgrund von Pegida-Demos davor gewarnt, nach Ostdeutschland zu gehen!

Heinrich: Und es ist eine Chance, dem Bevölkerungsschwund zu begegnen. Gerade in davon besonders betroffenen Gegenden sind die Ängste vor dem Unbekannten oft groß. Dem was entgegenzusetzen, etwa konkrete Erfolgsgeschichten aus Betrieben, auch darauf können wir gemeinsam hinwirken.


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