Leitung mit Tempo

Internet: Deutschlands Breitband-Netz ist zu langsam – die Zukunft heißt Glasfaser

Beim schnellen Internet hinkt Deutschland international hinterher. Nachholbedarf besteht vor allem bei Glasfaseranschlüssen. Die nötigen Investitionen werden viele Milliarden Euro kosten.

Glasfaserkabel: In Deutschland müssen mehr von ihnen direkt ins Haus. Foto: dpa

Glasfaserkabel: In Deutschland müssen mehr von ihnen direkt ins Haus. Foto: dpa

Teuer: Anbieter wie die Telekom arbeiten am Ausbau neuer Netze und der Ertüchtigung alter Leitungen. Foto: Telekom

Teuer: Anbieter wie die Telekom arbeiten am Ausbau neuer Netze und der Ertüchtigung alter Leitungen. Foto: Telekom

Berlin. Deutsche geben gerne Gas. Das gilt jedenfalls auf Autobahnen ohne Tempolimit. Auf den heimischen Daten- Highways hingegen geht’s deutlich ruhiger zu. Hier werden Internet-Nutzer viel zu häufig ausgebremst.

Das muss sich ändern, wenn Deutschland international nicht den Anschluss verlieren will. Denn egal ob es um die zunehmend digital vernetzte Industrie, um autonom fahrende Autos oder um Internet-Dienstleistungen in Gesundheit und Bildung geht: Nichts davon funktioniert ohne leistungsfähige Datenleitungen.

Bei Datenrate nur Platz 15 in Europa

„Eine neue Bundesregierung muss den Ausbau der digitalen Netze hierzulande stärker forcieren“, fordert Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Als führende Industrienation könne man mit der aktuellen Situation nicht zufrieden sein.




„Es ist ein Unding, dass Deutschland bei der Internetgeschwindigkeit in Europa auf Platz 15 von 31 Nationen liegt“, klagt Kempf mit Blick auf aktuelle Vergleichszahlen. So wurde während der ersten drei Monate 2017 in Deutschland im Schnitt nur mit rund 15 Mbit pro Sekunde gesurft. Die europäischen Spitzenreiter Norwegen (24 Mbit) und Schweden (23 Mbit) kamen auf deutlich mehr. Global führend war Südkorea mit 29 Mbit.

Um aufzuholen und langfristig mitzuhalten, muss Deutschland seine Glasfasernetze massiv ausbauen. Das Ziel heißt „Gigabit-Gesellschaft“: Bis 2025 soll jeder Internetnutzer in Deutschland einen Zugang zu Datenübertragungsraten von mindestens einem Gbit (1.000 Mbit) pro Sekunde haben, so bereits der Plan der alten Bundesregierung. Investitionssumme: rund 100 Milliarden Euro.

Dafür nötig sind mehr schnelle direkte Glasfaseranschlüsse in die Wohnung oder zumindest ins Gebäude, sogenannte FTTB- und FTTH-Zugänge (siehe Kasten). Mehr als 23.000 Gewerbegebiete in Deutschland waren 2016 ohne diese schnellen Internet-Zugänge. Und insgesamt hatten nur 7 Prozent aller Nutzer solche Anschlüsse. In Spanien waren es 63 Prozent.

Bislang basiert die Breitband-Versorgung in Deutschland nämlich nicht auf schnellen Glasfaserzugängen. Sondern auf auf der guten alten Telefonleitung und dem TV-Kabel-Netz. Beide basieren auf Kupfer. Zwar werden, um die Datenrate zu erhöhen, immer weitere Teile mit Glasfaserkabeln verstärkt – dadurch haben inzwischen vier von fünf Haushalten Zugang zu einem Anschluss mit mindestens 50 Mbit pro Sekunde. Doch der große Sprung bleibt aus – so lange sich auf der „letzten Meile“, hinter dem Kabelverzweiger am Straßenrand, so wenig tut.

Was vielen Laien nicht bewusst ist: Auch der künftige ultraschnelle Mobilfunkstandard 5G lässt sich nur durch eine große Glasfaser-Offensive umsetzen. Denn das System wird viel mehr Mobilfunkmasten erfordern als die bisherigen rund 70.000 – der in Bonn ansässige Bundesverband Glasfaseranschluss geht sogar von 1,2 Millionen aus. Und alle müssen optimal angebunden werden.

Nur dann bietet 5G Datenraten von mehreren Gbit pro Sekunde, ermöglicht Echtzeitkommunikation und garantiert stabile Verbindungen. 5G soll so die Basis vieler digitaler Anwendungen werden, etwa des autonomen Fahrens. Zielhorizont der Politik ist auch hier das Jahr 2025: Spätestens dann soll das 5G-Netz zumindest alle relevanten Verkehrswege abdecken.

Fehlender Ausbau behindert Firmen

Experten zweifeln daran, ob die offiziellen Ausbauziele mit der bisherigen Politik zu erreichen sind – und ob sie überhaupt reichen. Zu ihnen gehört Klaus Landefeld. Er ist Vorstandsmitglied des eco-Verbands, der mehr als 1.000 Unternehmen der Internetwirtschaft vertritt, und verantwortet dort den Bereich Infrastruktur und Netze.

In Asien werde man schon bald über Datenraten von zehn Gbit pro Sekunde reden, prognostiziert er. Deshalb sei um so wichtiger: „Dass wir mit dem Ausbau endlich mal anfangen.“

Denn für die Unternehmen sei der unzureichende Glasfaserausbau und damit der Mangel an schnellerem Internet ein immenses Problem. Chancen der Digitalisierung könnten nicht voll ausgeschöpft werden, Produktivität und Arbeitszeit gingen verloren. So manch ein Betrieb müsse mittlerweile allein deshalb den Standort wechseln. Landefeld: „Das ist volkswirtschaftlich ein Debakel.“

Wichtige Ausbaustufen des Glasfasernetzes

  • Fiber to the Curb (FTTC): Beim Ausbau bis zum Bordstein („Curb“) wird Glasfaser bis zum Kabelverzweiger verlegt – den kleinen grauen Kästen am Straßenrand. Danach übernehmen die alten Kupferleitungen. Die Technologien VDSL und Vectoring können so Datenraten mit mehr als 200 Mbit schaffen.
  • Fiber to the Building (FTTB): Hier reichen Glasfaserkabel bis ins Gebäude, etwa in den Keller eines Mehrfamilienhauses. Zur Verteilung im Haus werden dann andere Übertragungstechniken eingesetzt, zum Beispiel Leitungen für Telefon oder Kabel-TV. Auf diese Art sind Datenraten über ein Gbit möglich.
  • Fiber to the Home (FTTH): Die Glasfaserleitung liegt hier bis in die Wohnung, den Haushalt oder das Büro. So werden Übertragungsraten von mehreren Gbit erreicht.

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