Energie

Industrie droht Stromsperre


Hier könnte es dunkel werden: Der Standort der BASF in Ludwigshafen ist das weltgrößte Chemie-Areal. Foto: dpa

Kontrolleur der Netze warnt vor dem Blackout

Bonn/Berlin. Ein einziger bibberkalter, windstiller und bewölkter Tag im nächsten Winter reicht aus – und schon können große Teile des Stromnetzes kollabieren. Das geht aus einem alarmierenden Bericht der Bundesnetzagentur in Bonn hervor.

Deren Präsident Matthias Kurth warnt vor dem Blackout, wenn Windparks und Solaranlagen keine Energie liefern: „Fällt dann auch noch eine der zentralen Nord-Süd-Leitungen oder ein Kraftwerk im Süden aus, haben wir das kritischste Szenario“, sagte Kurth zu AKTIV.

Der oberste Kontrolleur aller Stromleitungen hat die Konsequenzen des Atomausstiegs auf die Versorgungssicherheit geprüft – und rät, wenigstens ein Kernkraftwerk als Reserve vorzuhalten. Denn vor allem im Süden könnten „eine Überlastung der Leitungen oder Probleme mit der Spannungshaltung auftreten. Notfalls müssten die Netzbetreiber Verbraucher vom Netz nehmen“, sagt Kurth. Verbraucher – das sind Industrie-Betriebe, besonders in den Ballungsräumen Rhein-Neckar, Frankfurt, Stuttgart.

„Nationale Katastrophe“

In „Lastabwurfplänen“ ist die schrittweise Stromsperre bereits geregelt. So müsste wohl zuerst die BASF in Ludwigshafen ihre energieintensiven Anlagen zur Chlor-Elektrolyse abstellen.

Stabilisiert sich die Lage dadurch nicht, dann würde es kurz darauf wahrscheinlich auch in der Autoproduktion bei Daimler heißen: Feierabend! Bei vielen Zulieferern in Hessen und Baden-Württemberg ebenso. Allein im Südwesten befürchten Experten bereits bei einem eintägigen Stromausfall Schäden für die Wirtschaft in Milliardenhöhe.

Auch Strom-Importe könnten das nicht verhindern. Kurth: „Unsere Nachbarländer wie Frankreich verbrauchen im Winter ebenfalls die meiste Energie. Dann können sie zum Teil nur wenig oder gar keinen Strom mehr ins Ausland liefern.“

Die Folgen wären nicht nur für die Industrie dramatisch.

In einer noch unveröffentlichten Studie warnt das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) vor einer „nationalen Katastrophe“. Im schlimmsten Fall könnten nach einer Woche des Blackouts die Schwerstkranken auf den Intensivstationen nicht mehr versorgt werden. Auch die bis zu 80.000 Dialyse-Patienten seien gefährdet.

Damit es nicht so weit kommt, sagt Behördenchef Kurth, „benötigen wir im Süden für den kommenden Winter nach unseren bisherigen, noch nicht abschließenden Untersuchungen eine zusätzliche Kraftwerkskapazität von etwa 1.000 Megawatt“.

Diese Leistung könnte eines der sieben Kernkraftwerke garantieren, die im Rahmen des Atom-Moratoriums stillgelegt wurden – wenn die Umweltminister aus Bund und Ländern auf den Chef der Netzagentur hören.

Info: Netzagentur

Als Regulierungsbehörde hat die Bundesnetzagentur die Aufsicht über alle sogenannten Leitungsmonopole in Deutschland – das gilt für Strom, Gas und Telekommunikation. Außerdem überwacht sie die Preisgestaltung in den Bereichen Post und Eisenbahn.

www.bundesnetzagentur.de

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