Bayerns „Medical Valley“

In der Region Nürnberg/Erlangen schlägt das Herz der bayerischen Gesundheitsindustrie

Das deutsche Spitzencluster für Medizintechnik liegt in Mittelfranken. Dort arbeiten Dutzende Forschungsinstitute und rund 500 Firmen an Innovationen für eine Zukunftsbranche mit großem Wachstumspotenzial.

Ab in die Röhre: Für Magnetresonanztomografie, auch MRT oder „Kernspin“ genannt, ist Siemens bekannt. Foto: Siemens

Ab in die Röhre: Für Magnetresonanztomografie, auch MRT oder „Kernspin“ genannt, ist Siemens bekannt. Foto: Siemens

Wichtig: Die Prüfung elektronischer Baugruppen bei FG-Elektronik. Sie werden unter anderem in der Medizintechnik eingesetzt. Foto: FG-Elektronik

Wichtig: Die Prüfung elektronischer Baugruppen bei FG-Elektronik. Sie werden unter anderem in der Medizintechnik eingesetzt. Foto: FG-Elektronik

Innovativ: Ein mobiles Röntgengerät der Firma Ziehm Imaging. Foto: Ziehm

Innovativ: Ein mobiles Röntgengerät der Firma Ziehm Imaging. Foto: Ziehm

Komplex: Peter Brehm ist spezialisiert auf die Sonderanfertigung von Hüftimplantaten. Foto: Peter Brehm

Komplex: Peter Brehm ist spezialisiert auf die Sonderanfertigung von Hüftimplantaten. Foto: Peter Brehm

Nürnberg / Erlangen / Rückersdorf / Weisendorf. Hochmoderne Ultraschallgeräte, innovative Fernbedienungen, kleinste Sensoren: Mehr als 180 Anbieter haben vor wenigen Tagen auf der Fachmesse MT-Connect in Nürnberg ihre neuen Produkte und Lösungen für die Medizintechnik vorgestellt. Dass sich die Branche jedes Jahr in Mittelfranken trifft, ist kein Zufall. Im sogenannten „Medical Valley“ nahe Nürnberg und Erlangen schlägt das Herz der bayerischen Gesundheitsindustrie.

Die Region in Nordbayern hat sich zum Spitzencluster der deutschen Medizintechnik entwickelt. Die Dichte an Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist enorm. 500 Firmen sind in der Branche tätig. Dazu kommen 80 Hochschulinstitute und 20 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit medizintechnischem Schwerpunkt.

Das bringt nicht nur jetzt Jobs und Wohlstand nach Mittelfranken. Auch die Zukunftsperspektiven sind hervorragend, denn Gesundheit gilt als Wachstumsbranche. Die Menschen in den Industrieländern werden immer älter. Und die Bevölkerung in den Schwellen- und Entwicklungsländern wird zunehmend reicher. Beides spielt der gesamten deutschen Medizintechnik-Industrie in die Hände, die dank ihrer Qualität weltweit gefragt ist. Ihr Exportanteil lag 2016 bei gut 67 Prozent.

Einer der großen Player in dem wachsenden Markt ist Siemens. Die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers mit Sitz in Erlangen beschäftigt rund um den Globus gut 45.000 Mitarbeiter. Bekannt ist das Unternehmen unter anderem durch bildgebende Technik wie Röntgen- und Ultraschallgeräte, Computer- und Kernspintomografen.

Neben einem Großunternehmen wie Siemens haben sich allerdings auch zahlreiche kleinere Firmen in der Region angesiedelt. Sie bringen innovative Produkte hervor und nutzen im Cluster die Vorteile eines großen Netzwerks.

Eine solche Firma ist Ziehm Imaging in Nürnberg. Das Unternehmen mit weltweit rund 500 Mitarbeitern hat sich auf das Entwickeln und Herstellen mobiler Röntgengeräte spezialisiert, sogenannter C-Bögen. Eingesetzt werden die Geräte vor allem im OP-Saal – um noch während der Operation den Erfolg des Eingriffs überprüfen zu können. Es gibt sogar schon moderne 3-D-Systeme für die räumliche Darstellung, die es den Ärzten noch einfacher macht. „Das ist von der Bildqualität dann schon sehr nahe am Computertomografen“, sagt Martin Ringholz, Marketing-Leiter bei Ziehm Imaging.

Dass sich so viele Hersteller und Zulieferer der Region in der Medizintechnik auskennen, hält Ringholz für einen großen Vorteil. So wüssten Geschäftspartner etwa genau, was es in der Branche für Anforderungen gebe – zum Beispiel, dass Materialien und Geräte speziell hygienisch aufbereitet werden müssen.

Auch beim Thema Personalgewinnung bringt das Cluster Vorteile. „Uns hilft es sehr, dass wir hier bereits gut qualifizierte Leute finden“, erklärt Ringholz. Oft müsse man ihnen nicht einmal Basiswissen in Sachen Medizintechnik vermitteln. Das hätten viele schon an der Hochschule mitbekommen – oder in einem anderen Betrieb der Branche.

Die Firma Peter Brehm wiederum profitiert sehr vom engen Austausch mit den Medizinern der zahlreichen Kliniken. Das Unternehmen in Weisendorf mit 165 Mitarbeitern stellt Implantate und Prothesen her, etwa für Knie und Hüfte. Der Ansatz lautet: Praktiker, die häufig operieren, kennen sich am besten aus. „Wir binden Ärzte in unsere Entwicklungsarbeit mit ein“, sagt Geschäftsführer Oliver Brehm. „Dadurch gehen wir sicher, dass wir nicht am Markt vorbeientwickeln.“

Sich genau auszukennen, ist für Brehm besonders wichtig, da sich die Firma auf sogenannte Revisionsimplantate und Sonderanfertigungen spezialisiert hat. Beide werden vor allem dann gebraucht, wenn künstliche Hüftgelenke ausgetauscht werden. Das ist besonders schwierig, da in diesen Fällen die Knochen schon viel stärker geschädigt sind. „Die Implantate kann ich deutlich schlechter verankern“, erklärt Brehm.

Nah am Kunden zu sein, steht auch für den Zulieferer FG-Elektronik in Rückersdorf im Vordergrund. Der 30-Mann-Betrieb stellt komplexe Stromversorgungssysteme her, die unter anderem für Automatisierung, aber auch für Sicherheitstechnik, etwa bei Brand- und Einbruchschutz, verwendet werden.

Lösungen für die Medizintechnik machen mittlerweile 15 Prozent des Umsatzes aus, Tendenz steigend. „Es ist eine Wachstumsbranche, in der wir unsere Position ausbauen wollen“, sagt Geschäftsführer Michael Kränzl.

So hat die Firma das Energiemanagement-System für die weltweit erste mobile Herz-Lungen-Maschine entwickelt. Aussetzer darf sich diese Technik auf keinen Fall leisten. Und auch beim neuesten Projekt, einer Box zur sterilen Lagerung transplantierbarer Organe, kommt es auf eine exakte und sehr sichere Stromversorgung an, zum Beispiel um die geforderte Temperatur zu halten.

Markt mit hohen Eintrittsbarrieren

Die Anforderungen in der Medizintechnik sind nicht nur bei diesen Anwendungen hoch. Die Zulassungsverfahren sind besonders aufwendig – nicht selten geht es ja um Leben und Tod. Für einen kleinen Zulieferer wie FG bedeutet das viel Arbeit. Aber es garantiert auch ein Stück weit Kontinuität und Sicherheit. „Die Eintrittsbarrieren im Markt für Medizintechnik sind sehr hoch“, sagt Kränzl. „Aber wenn man einmal drin ist, ist man drin.“


Interview

Benjamin Stöcklein. Foto: Privat
Benjamin Stöcklein. Foto: Privat

Firmen und Universitäten arbeiten zusammen

Erlangen. Die Medizintechnik ist ein Aushängeschild der Metropolregion Nürnberg/Erlangen. Im Gespräch mit AKTIV erklärt Benjamin Stöcklein vom Cluster „Medical Valley“, warum die Branche in der Region gute Bedingungen vorfindet.

Welche Rolle spielt der Raum Nürnberg/Erlangen für die Gesundheitsbranche in Deutschland?

Das „Medical Valley“ ist das deutsche Spitzencluster für Medizintechnik. Insbesondere im Bereich Diagnostik, etwa mit bildgebenden Verfahren, ist die Region führend. Gleiches gilt aber auch für den Bereich der digitalen Anwendungen, wo sich sehr viel tut.

Wie wichtig ist Siemens für die Region?

Der Bereich Healthcare ist hier seit Jahrzehnten tief verwurzelt und war für die Entwicklung der Region richtungsweisend. Wichtig waren und sind aber auch die Hochschulen und die Uni-Klinik Erlangen. Die bietet die Möglichkeit, klinische Studien durchzuführen. Das ist sehr wichtig für die Firmen der Branche. Wir haben hier ein innovatives Umfeld, das über Jahre gewachsen ist, in dem alle zusammenarbeiten – und von dem alle profitieren.

Wächst es denn auch weiter?

Die Firmengründungen sind zahlreich. Oft entstehen die Geschäftsideen dazu an einer Hochschule. Zusätzlich siedeln sich auch immer wieder Firmen von außerhalb, insbesondere aus dem Ausland, in der Region an. Unternehmen der Medizintechnik, die einen Standort in Deutschland suchen, gehen natürlich gerne dahin, wo schon alle anderen sind.

Warum ist das so attraktiv?

Der Austausch unter den Firmen ist aufgrund der räumlichen Nähe besonders eng. Und da alle die gleichen Fragen und Probleme haben, etwa komplizierte Zulassungsverfahren, gibt es hier in der Region auch die richtigen Ansprechpartner dafür. Ich beobachte zudem, dass der Begriff „Medical Valley“ immer bekannter wird. Im Einzelfall kann eine solche Marke dann natürlich auch ein zusätzliches Verkaufsargument sein.

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