Tarifrunde 2015

In der Chemie- und Pharmabranche wird knallhart verhandelt

Wiesbaden. Es ist ein hartes Ringen im Chemie-Tarifkampf. Und natürlich geht es um viel Geld: 4,8 Prozent mehr Lohn fordert die Gewerkschaft IG BCE. „Ein Unding ohne Substanz und Fundament“, entgegnet Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie in Wiesbaden. „Diese Forderung liegt meilenweit entfernt von dem, was Produktivität und Inflation überhaupt zulassen!“

Jeder Dritte Chemie-Mittelständler investiert bereits im Ausland

In den zurückliegenden zehn Jahren haben sich die Tariflöhne der 550.000 Chemie-Beschäftigten bereits um rund 30 Prozent erhöht. Schaut man sich das produzierende Gewerbe an, gehört die Branche ganz eindeutig zu den Spitzenverdienern. Die Chemie- und Pharma-Industrie zahlt ein durchschnittliches Jahresbruttogehalt von 55.400 Euro – nur im Fahrzeugbau verdient man noch mehr Geld.

Die hohen Gehälter haben aber ihren Preis: Nach der jüngsten Vergleichsstatistik kostete eine Chemie-Arbeitsstunde in Betrieben in Westdeutschland 2013 im Schnitt 53,16 Euro. In den USA waren es umgerechnet 30,56 Euro, in Polen sogar nur 9,20 Euro.

Und das, obwohl die wirtschaftliche Lage der Branche sich im letzten Jahr „deutlich verschlechtert“ hat, erläutert Verhandlungsführer Hansen. Man sei hinter der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zurückgeblieben: „Gedrosselte Produktion und steigende Lohnstückkosten haben die chemische Industrie empfindlich getroffen.“

Dazu kämen „anhaltend hohe Unsicherheiten“, etwa durch Griechenland oder Krisenherde wie die Ukraine. Die Konsequenz: „Die Wachstumserwartungen der Branche für 2015 sind überaus zurückhaltend“, so Hansen.

Zwar kletterte der Konsumklima-Index des Marktforschungsunternehmens GfK in Nürnberg gerade auf den höchsten Stand seit 13 Jahren, denn den Verbrauchern sitzt das Geld locker in der Tasche. Sie fühlen sich sicher in ihren Jobs und freuen sich über den niedrigen Ölpreis. Bei den Unternehmern sieht es mit der Zuversicht allerdings nicht so rosig aus: Sie zögern damit, ihr Geld zu investieren.

Unternehmen spüren Anspannung und Sorge

Besonders aus Sicht der Mittelständler, die mit 160.000 Beschäftigten sehr viele Chemie-Arbeitsplätze stellen, hat sich die Standortqualität in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert. Das ergab eine Umfrage unter 150 Betrieben durch die Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner in Düsseldorf.

Als Grund nennen die Befragten zum Beispiel fehlende industriepolitische Maßnahmen oder die niedrigen Energiepreise in den USA. 5 Prozent der Mittelständler haben angegeben, in den kommenden Jahren „überhaupt nicht mehr“ in Deutschland zu investieren, bei einem Drittel der Firmen fließt das Geld bereits ins Ausland. Bisher lockte der Standort Deutschland mit seinem Innovationsklima, der Infrastruktur, der Verfügbarkeit von Fachkräften und der Rechtssicherheit.

Doch all das bröckelt laut Studie kräftig: Seit 2009 verschlechtert sich das Innovationsklima, die Qualität der Infrastruktur sehen Unternehmer „gefährdet“. Zudem fällt es den Betrieben deutlich schwerer, ihren Fachkräftebedarf zu decken. Und statt Rechts- und Planungssicherheit gibt es ständig Änderungen. Hansen: „Die Tarifrunde muss auch für kleinere und mittelgroße Unternehmen verkraftbar sein, wo bereits große Anspannung und Sorge zu spüren ist. Ein fairer Partner akzeptiert, dass auch mal mit kleiner Münze gezahlt wird.“

Mitte März werden in Neuss die Verhandlungen auf Bundesebene fortgesetzt.


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