Die Schere geht zu weit auseinander

In der Chemie-Branche füllt sich die Lohntüte schneller als das Auftragsbuch


Wiesbaden. Die Chemie- und Pharmabranche zählt zu den Top-Zahlern. Laut der Online-Jobbörse Stepstone lag der Brutto-Jahresverdienst in der Chemie 2012 im Schnitt bei 58.253 Euro. Nach Angaben des Portals ist das mehr, als in der Luft- und Raumfahrt verdient wird. Besser zahlten nur noch Banken und Unternehmensberater.

„Sehr gutes Gehalt nach dem Chemietarif NRW, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Boni“, freut sich ein Mitarbeiter des Spezialchemie-Herstellers Evonik in Essen auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu. In Sachen Verdienst findet man hier viele zufriedene Kommentare: „Gut, kann man nicht meckern“, postet zum Beispiel ein Mitarbeiter des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim in Biberach.

Steigende Löhne sind für Unternehmer so lange in Ordnung, wie Aufwand und Ertrag stimmen. Doch das ist in der Chemie aktuell nicht der Fall. Seit zweieinhalb Jahren und damit seit zehn Quartalen in Folge stagniert die Produktion.

„Aktuell liegt die Produktion noch immer um 3 Prozent unter dem Vorkrisenniveau“

Besserung ist kaum in Sicht: „Im Chemiegeschäft ist die erhoffte Dynamik bei der Produktion im ersten Halbjahr ausgeblieben“, bilanziert Wolfgang Goos, Hauptgeschäftsführer beim Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) in Wiesbaden. Die Unternehmen konnten zudem ihre Preise nicht erhöhen. „Aktuell liegt die Chemieproduktion in Deutschland noch immer um 3 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von 2007“, so Goos. Gleichzeitig stieg die Zahl der Chemiemitarbeiter seit 2010 von 414.766 auf 434.000.

Und auch ihr Gehalt legte zu, denn in den letzten Jahren konnte die Chemie-Gewerkschaft IGBCE für ihre Beschäftigten beachtliche Lohnabschlüsse aushandeln. „Das Gehalt ist prächtig“, bestätigt ein Verwaltungsmitarbeiter beim Spezialchemie-Unternehmen Lanxess in Köln auf der Bewertungsplattform Kununu.

Erwartungen der Branche sind verhalten

Geht es nach der Gewerkschaft, dürfen die Arbeitgeber dennoch eine Schippe drauflegen: 5,5 Prozent mehr lautet die aktuelle Forderung. BAVC-Hauptgeschäftsführer Goos kontert: „Die wirtschaftliche Situation der Branche rechtfertigt eine solch hochprozentige Forderung definitiv nicht.“ Die Chemie-Arbeitskosten seien seit 2011 „deutlich gestiegen“. In Westdeutschland liegen sie bei 51,50 Euro pro Stunde, ein internationaler Spitzenwert.

„Die Chemie-Tarifrunde 2014 muss einen substanziellen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit unserer Branche leisten“, unterstreicht Goos. „Die Schere zwischen kräftigen Tarifabschlüssen und enttäuschten Geschäftserwartungen darf nicht weiter auseinandergehen.“ Stattdessen müsse man „die Wettbewerbsfähigkeit stärken“ und dadurch „Beschäftigung stabilisieren“.

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