Revolutionärer Kreislauf

In Bayern holt Dyneon erstmals Rohstoffe aus gebrauchten Hochleistungs-Kunststoffen

Burgkirchen. Bündelweise legt Alexander Nigl alte Plastikschläuche auf ein Förderband. Der Anlagenfahrer arbeitet beim Chemie-Unternehmen Dyneon im bayerischen Burgkirchen und bestückt gerade die weltweit erste Recycling-Anlage für Spezialkunststoffe (Fluorpolymere).

Ausgangsstoff dafür ist das Mineral Flussspat. Aus ihm entstehen nach einer Reihe chemischer Umwandlungen Moleküle (Monomere genannt), die für die Herstellung von Fluorpolymeren unbedingt nötig sind. Später sind die Atome derart fest miteinander verbunden, dass sie hohen Kräften, Temperaturen und sogar Chemikalien trotzen.

„Bislang gab es keine Möglichkeit, Abfälle dieser Kunststoffe wiederzuverwerten“, sagt Dyneon-Geschäftsführer Burkhard Anders. Sie landen auf Sonderdeponien oder werden kostenintensiv verbrannt, ihre Wertstoffe gehen für immer verloren. 25 Jahre lang tüftelten Chemiker und Ingenieure an einer Lösung, das Material in seine Komponenten zurückzuspalten.

Die rückgewonnenen Moleküle sind wie neu

Rund 6 Millionen Euro flossen in die Entwicklung und den Bau der Anlage, das Umweltministerium steuerte 1 Million Euro bei. Jetzt funktioniert die Wiedergewinnung: Große Mengen an alten Dichtungen, Schläuchen und Rohrverkleidungen treffen aus Industrieanlagen und Kraftwerken ein. Die Teile werden geschreddert, gewaschen und gemahlen. „Auf die exakte Partikelgröße kommt es an“, verrät Projektleiter Thorsten Schwalm.

Eine komplizierte chemische Reaktion löst unter Hitze die gasförmigen Monomere heraus. Das Beste daran: „Die rückgewonnenen Monomere sind hochrein“, betont der Ingenieur. So kann man sie erneut in Kunststoffe mit konstant hoher Qualität umwandeln. Aus Abfall entsteht wieder Hochleistungskunststoff. Deshalb sprechen Experten von „Up-Cycling“ statt Recycling.

500 Tonnen Abfall im Jahr kann die Anlage derzeit verarbeiten. Die Ausbeute im Reaktor liegt bei über 90 Prozent. „Wir senken damit den tatsächlichen Bedarf an neuen, sehr aufwendig hergestellten Monomeren“, sagt Schwalm. Das spart Kosten, viel Energie – auch die Umwelt hat was davon: Der für die Monomere benötigte Flussspat wird im Bergbau gewonnen, Schwertransporte belasten die Natur. Das bayerische Verfahren kann nach ersten Schätzungen zehn Tonnen Klimagas (CO2) pro Tonne rückgewonnenes Monomer einsparen.

Auf lange Sicht könnte Deutschland auch unabhängiger vom Import werden. Die EU-Kommission in Brüssel stuft die Versorgungslage mit dem seltenen Mineral schon heute als kritisch ein. Größere Flussspat-Vorkommen gibt es nämlich nur wenige. Hauptsächlich in China, Mexiko und Südafrika.

Nach erfolgreicher Pilotphase ist eine Erweiterung der Anlage in Burgkirchen geplant. Zu verwerten gibt es genug: Experten schätzen, dass allein die Europäer pro Jahr 35.000 Tonnen Fluorpolymere verbrauchen.


Unverzichtbar: Fluorpolymere sind überall im Einsatz

Schutz: Das Innere der Stahlrohre ist mit oft belast­barem Kunststoff ausgekleidet. Foto: Schulz
Schutz: Das Innere der Stahlrohre ist mit oft belast­barem Kunststoff ausgekleidet. Foto: Schulz

Spezialkunststoffe (wie PTFE) stecken in vielen Anwendungen.

Sie kleiden etwa Auto- und Maschinen-Bauteile aus sowie Rohre in Industrieanlagen, sie schützen Kabel in Flugzeugen. Auch die Antihaft-Schicht für Bratpfannen besteht daraus.

Das stabile Material hält bis zu minus 200 und plus 250 Grad Celsius aus und trotzt Chemikalien.

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