Steuern

Immer kompliziertererer


Unser System überfordert selbst die Experten – und soll reformiert werden

Berlin. Das schwierige Thema Steuern: Blicken Sie noch durch? Falls nicht, muss Ihnen das nicht peinlich sein – Sie sind in bester Gesellschaft! Selbst Deutschlands oberste Steuerberater mahnen einfachere Regeln an. Die Bundesregierung hat immerhin gute Vorsätze.

Wer darüber staunen will, wie undurchschaubar der Vorschriften-Dschungel im Lauf der Jahrzehnte geworden ist, dem empfehlen Experten den Paragrafen 3 des Einkommensteuergesetzes. Der ist länger und länger geworden – kürzer nie. Heute zählt er zwölf Mal so viele Wörter wie in den 50er-Jahren, obwohl er das Gleiche regelt wie damals.

Und so beschäftigt sich inzwischen fast eine halbe Million Menschen im Lande hauptberuflich mit der Frage, wie viel Geld der Staat von wem zu bekommen hat. 270.000 abhängig Beschäftigte in den Steuerberatungsfirmen und Lohnsteuerhilfevereinen sind der Berufsgenossenschaft VBG bekannt.

Dazu kommen 55.000 selbstständige Steuerberater sowie die Experten in Betrieben, Unis und Verlagen. Und 110.000 Köpfe zählt das Personal der staatlichen Steuerverwaltung, so die zuständige Gewerkschaft DSTG.

Deren Vorsitzender Dieter Ondracek fordert 20.000 Finanzbeamte mehr, um die Behörden auf Augenhöhe mit der immer komplizierteren Materie zu halten. Dass das System abwicklungstechnisch zu kollabieren droht, hatte sich im vergangenen Herbst gezeigt: Die niedersächsische Oberfinanzdirektion gab zu, dass die Computer ihrer Finanzämter einem zwei Jahre zuvor geänderten Gesetz noch nicht gewachsen waren.

Regierung will „spürbar vereinfachen“

Ein Ärgernis – auch für die Wirtschaft. Das macht zum Beispiel Günther Hieber deutlich, Präsident des Selbstständigen-Verbandes BDS, in dem viele kleinere Betriebe organisiert sind. Er sagt: „Der Mittelstand leidet besonders unter den sich ständig ändernden Steuergesetzen, die kein Unternehmer mehr versteht.“

Dabei geht es den Profis oft nicht anders: „Das Steuersystem ist an vielen Stellen selbst für Experten kaum nachvollziehbar“, sagt Horst Vinken, Präsident der Bundessteuerberaterkammer. Eine grundlegende Reform sei fällig: „Punktuelle Reparaturmaßnahmen helfen nicht.“ Ins selbe Horn stößt Hans-Christoph Seewald, Präsident des Steuerberaterverbandes.

Das Echo aus Berlin lässt hoffen. „Wir werden das Steuerrecht spürbar vereinfachen und von unnötiger Bürokratie befreien. Davon werden alle profitieren, sowohl die Steuerzahler als auch die Steuerverwaltung und die steuerberatenden Berufe.“ So steht es – immerhin – im Koalitionsvertrag der Bundesregierung.

„Das trifft sicherlich auf allgemeine Sympathie“, urteilt Jürgen Brandt, Richter am Bundesfinanzhof und Präsident des Deutschen Finanzgerichtstages. Er fordert allerdings gründliche Arbeit: „Die Regierung sollte jetzt das immer komplizierter gewordene Steuerrecht Schritt für Schritt einer kritischen Überprüfung unterziehen.“

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