Industriestandort Nordrhein-Westfalen

Im Westen geht doch was!


Köln. Burkard Kaiser kann es kaum erwarten: „Höchste Zeit, dass die Baumaschinen für die neue Halle anrollen.“ Seine Elektro-Firma mit 220 Beschäftigten im westfälischen Schalksmühle platzt aus allen Nähten. Und der Unternehmer will noch mehr Leute einstellen.

Eine halbe Stunde Autobahnfahrt in Richtung Nordwesten herrscht dagegen Alarmstimmung. Nach Jahrzehnten des Niedergangs von Kohle und Stahl ist das Ruhrgebiet noch immer das wirtschaftliche Sorgenkind der Republik, trotz Milliarden-Spritzen für den Strukturwandel. Und bald endet auch noch die Autoproduktion von Opel in Bochum.

Nordrhein-Westfalen ist immer noch ein zuverlässiger Lieferant, wenn es um schlechte Nachrichten aus der Industrie geht. Und doch steht das bevölkerungsreichste Bundesland auch dafür, dass die Industrie in Deutschland Zukunft hat.

Zur Wirtschaftsleistung an Rhein und Ruhr tragen Produktionsbetriebe 32 Prozent bei, inklusive industrienaher Dienste wie Reparaturen. Das ist 1 Prozentpunkt unter dem Bundesschnitt und viel weniger als in Baden-Württemberg und Bayern mit 41 und 36 Prozent.

Der Westen mit dem Ruhrgebiet hat schließlich eine beispiellose Talfahrt hinter sich. Seit 1957, dem Beginn der Kohlekrise, ging an Rhein und Ruhr jeder zweite Industrie-Arbeitsplatz verloren. Da verkennt man schnell, welche Bedeutung das Bundesland für die Wirtschaft tatsächlich hat.

Beispiel Maschinenbau: Nordrhein-Westfalen ist der zweitwichtigste Standort für deutsche Anlagenhersteller, hinter Baden-Württemberg und vor Bayern. Jede vierte Maschine „made in Germany“ wird hier gebaut, so der Branchenverband VDMA.

Beispiel Auto-Industrie: 30 Prozent aller deutschen Zuliefer-Unternehmen haben ihren Sitz im Westen. Und die verkaufen auch in den Süden. Audi, BMW & Co. statten ihre Autos etwa mit Schließsystemen  aus Heiligenhaus oder Velbert im Rheinland aus. Mehr als 70 Firmen in den beiden Nachbarstädten stellen solche Produkte her.

Beispiel Stromerzeugung: Zwischen 10 und 20 Prozent der Energie aus nordrhein-westfälischen Kraftwerken werden exportiert.

„All das zeigt, dass reine Durchschnittswerte nur bedingt aussagekräftig sind“, sagt Karl Lichtblau, Chef des Beratungsdienstleisters IW Consult, mit Blick auf die Produktionsstatistik. Das Tochterunternehmen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat für eine Studie über Nordrhein-Westfalen auch einzelne Regionen unter die Lupe genommen. Fazit: Der Westen ist stärker, als viele glauben.

Seit der Jahrtausendwende ist die Wirtschaftskraft je Einwohner in dem Bundesland um 26 Prozent gestiegen, sogar noch stärker als in Bayern und Baden-Württemberg.

70 Prozent der Industriejobs befinden sich in ländlichen Regionen

Dass Nordrhrein-Westfalen im Mittelwert dennoch mäßig abschneidet, „liegt an den vielen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet“, so Lichtblau: „Die Siedlungsstruktur unterscheidet sich deutlich von der anderer Bundesländer.“

Während in den Städten Deutschlands im Schnitt 16 Prozent aller Beschäftigten einen Indus­trie-Job haben, sind es auf dem Land 28 Prozent. Bundesweit entfallen sieben von zehn Jobs im verarbeitenden Gewerbe auf die Provinz.

Wie die gelegentlich auftrumpft, zeigt das Familienunternehmen Kaiser mit seinen Produkten für die Elektro-Installation. Um die Aufträge abarbeiten zu können, braucht Firmchenchef Kaiser Verstärkung. „Auch Opel-Leute sind hier willkommen“, sagt er.

Sein Betrieb liegt im Märkischen Kreis – einem Landstrich mit einer selbst im Vergleich zum Süden außergewöhnlich starken Industrie. Hier arbeitet fast jeder zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe. Damit belegt der Kreis bundesweit Rang drei. Die vorderen Plätze gehen an die Landkreise Tuttlingen (Baden-Württemberg) und Dingolfing-Landau (Bayern).

Und der Märkische Kreis ist eine Hochburg der Weltmarktführer: Die Industrie- und Handelskammer Südwestfalen listet fast 30 Firmen auf. Wie Küberit in Lüdenscheid. Das Familienunternehmen ist die Nummer eins bei Profil-Systemen für Hartbodenbeläge wie Parkett oder Laminat. Geschäftsführer Frank Sondermann: „Wir liefern bis nach Australien.“

Für den Export hat das Bundesland das dichteste Straßen- und Schienennetz der Republik und den größten Binnenhafen Europas in Duisburg. Schließlich ist Nordrhein-Westfalen mit 48 Prozent des gesamten deutschen Güterumschlags die wichtigste Drehscheibe.

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