Gesellschaft

Im Rausch der teuren Träume


Millionen Deutsche sind überschuldet

Die Dokumente seiner Finanzmisere sammelt Rainer Möller* in einem Pappkarton. Auf einem Zettel hat ihm seine Frau die Gläubiger notiert: 26 Namen. „Ich bin aber nicht sicher, ob das alle sind“, gesteht der arbeitslose Wachmann.

Jetzt packt er aus. Durch den Wust an Pfändungsbeschlüssen, Mahnungen und Kreditverträgen soll ihn Stephan Serrano lotsen, Berater bei der Schuldnerhilfe Köln. 50.000 Euro haben sich aufgetürmt. Schon mit Ende 20 hat der heute 54-jährige Möller die Weichen falsch gestellt, als er die Einrichtung seiner ersten Wohnung auf Pump kaufte. Später kamen Autos und Handys hinzu. „Ich lebe jetzt und nicht später“, hieß damals sein Motto.

Spätfolge der Wirtschaftskrise

Kein Einzelfall. Bundesweit haben gut drei Millionen Haushalte Probleme, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen – und gelten damit als überschuldet. Das schätzen die Verbraucherzentralen, genau weiß das keiner.

Fest steht nur so viel: 400.000 Personen haben ganz offiziell Pleite angemeldet, seit die Regierung vor acht Jahren das „Verfahren zur Verbraucher-Insolvenz“ einführte. Tendenz, anders als bei Firmenpleiten: stark steigend. Vermieter, Versandhäuser und andere Gläubiger sehen dabei im Schnitt nur jeden zehnten Euro wieder. Der Schaden geht in die Milliarden.

Überschuldet ist Rainer Möller schon lange. Schon vor zwölf Jahren haben ihm die Banken den Geldhahn zugedreht. „Seitdem muss ich strampeln“, sagt er.

Er reagierte mal auf diese, mal auf jene Mahnung, auch der Gerichtsvollzieher war öfters da, „aber bei mir war nichts zu holen“.

Bei den ganz wichtigen Ausgaben, etwa für das Grab des Vaters, schaute er trotzdem nicht auf die Mark. Von seiner dritten Frau, einer Internet-Bekanntschaft, die er letztes Jahr heiratete, hat er von der „Restschuld-Befreiung“ gehört. Deshalb sitzt er jetzt hier bei Herrn Serrano.

„Ich mach’ den Job seit acht Jahren“, sagt der Schuldnerberater, „so schlimm war’s noch nie.“ Wie kann das sein? Die Wirtschaft wächst wie seit 2000 nicht mehr – wieso werden gerade jetzt die Amtsgerichte mit Anträgen auf Verbraucher-Insolvenz überschüttet?

Die Antwort gibt Dieter Korczak, Leiter der auf soziale Probleme spezialisierten „GP-Forschungsgruppe“ in München. „Die vielen Privatpleiten sind eine Spätfolge der jüngsten Wirtschaftskrise.“ Noch bis Sommer 2006 habe ja „depressive Stimmung“ geherrscht.

„Umgekehrt wird sich auch der Aufschwung erst mit Zeitverzögerung in der Insolvenz-Statistik niederschlagen.“

Außerdem hat der Gesetzgeber den Bankrott-Boom forciert: 1999 führte er die Restschuld-Befreiung ein, 2002 erleichterte er den Zugang, 2008 will er die Kosten senken. „Es dauert immer, bis sich solche neuen Spielregeln herumsprechen“, betont Schulden-Forscher Korczak. „Zudem werden auch die Rechtsanwälte vertrauter mit dem Verfahren.“

„Häufig reine Luxusschulden“

Zwar wird auch der Aufschwung die Privatpleiten nicht auf Null bringen. Dafür sorgt schon die Natur des Menschen: „Häufig sind Kredite nicht für ein Haus oder Auto bestimmt, sondern reine Luxusschulden“, berichtet Alexandra Bopp von der Intrum Justitia Inkasso GmbH in Darmstadt, einem europaweit tätigen Geldeintreiber. Ein Computer hier, ein Urlaub da: Die teuren Träume werden von den Banken schnell erfüllt – mit langwierigen Folgen.

Doch die häufigste Pleite-Ursache ist, laut Statistischem Bundesamt, Arbeitslosigkeit. Und es gibt 1,1 Millionen weniger Jobsucher als vor zwei Jahren. Rainer Möller jedenfalls hofft, dass es für ihn nach einer Restschuld-Befreiung aufwärts geht: Noch am Abend nach dem Beratungsgespräch mit Stephan Serrano ist er zur Probe-Arbeit bei einer Sicherheitsfirma eingeladen.

* Name von der Redaktion geändert

Info: Restschuld-Befreiung

Das Verfahren zur Verbraucher-Insolvenz bietet seit 1999 zahlungsunfähigen Privatleuten die Gelegenheit, per „Restschuld-Befreiung“ noch einmal von vorne anzufangen.

Zunächst müssen sie versuchen, sich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen. Wenn das nicht klappt und das Amtsgericht den Antrag annimmt, beginnt die „Wohlverhaltensperiode“: Sechs Jahre muss man jede zumutbare Arbeit annehmen, behält aber vom Lohn nur 985 Euro im Monat, bei Kindern auch mehr. Der Rest geht über einen Treuhänder an die Gläubiger. Die Restschuld-Befreiung ist mehrmals möglich, frühestens jedoch 16 Jahre nach dem vorigen.

So erkennen Sie, ob auch Sie gefährdet sind

Verbraucherschützer betonen: Wer auf die folgenden Signale früh reagiert, kann den Kollaps verhindern.

Signal 1: Auf Ihrem Konto bilden sich keine Rücklagen, aus denen Sie außergewöhnliche Zahlungen bestreiten können, etwa für eine Autoreparatur.

Stellen Sie ehrlich Ihre Einnahmen den Ausgaben gegenüber – nicht nur den monatlichen, sondern auch den unregelmäßigen!

Signal 2: Sie müssen Kredite zum Beispiel für ein Auto oder eine Küche tilgen, obwohl Sie diese Anschaffung gar nicht mehr nutzen.

Schließen Sie keine Ratenkredite ab, die länger laufen als die Nutzungsdauer, sonst müssen Sie am Ende zu viele Kredite gleichzeitig abstottern!

Signal 3: Sie nehmen einen großen Langfrist-Kredit auf, um sich kurzfristig Luft zu verschaffen.

Die Umschuldung kann trotz geringer Monatsrate teuer werden. Achten Sie auf den „Effektivzins“!

Signal 4: Ihr Kreditinstitut verweigert das gewünschte Darlehen.

Überdenken Sie Ihre wirtschaftliche Lage, denn Banken versagen einen Kredit nicht ohne Grund!

 

Hilfe bietet die „Helpline“ der Schuldnerhilfe Köln, der erste bundesweite nicht kommerzielle Service dieser Art: montags bis freitags

von 10 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich von 15 bis 20 Uhr, Telefon 0180-4564564 (24 Cent je Anruf aus dem Festnetz).

 

 

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang