Tarifvertrag

Im Osten was Neues


Kürzertreten nach Maß – AKTIV erklärt die neuen Möglichkeiten

Bei den Gesprächen über die West-Angleichung von Chemie-Tarifstandards sind drei Dinge herausgekommen. Punkt 1 und 2 waren zu erwarten, Punkt 3 ist überraschend und bringt den Beschäftigten völlig neue Perspektiven.

• Die Jahresleistung steigt 2014 von 65 auf 80 und 2015 auf 95 Prozent eines Monatsentgelts.

• Bereits im Juli 2012 wird der „Entgeltaufbau“ der Gruppen E5 bis E8 angehoben. Damit verdienen Facharbeiter mehr.

• Anfang 2013 tritt ein Tarifvertrag über „lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung“ in Kraft. Dazu beantwortet AKTIV die zentralen Fragen.

Was ist der Kerngedanke?

Statt die 40-Stunden-Woche in Richtung West-Niveau zu verkürzen (sie gilt im Wettbewerb der Chemie-Standorte als starker Vorteil für Ostdeutschland), leiten die Betriebe jährlich 2,5 Prozent der Tarif-Entgelte in einen Fonds. Daraus wird in bestimmten Fällen berufliches Kürzertreten finanziert.

„Wir schaffen es, dass unsere Beschäftigten in schwierigen Phasen weniger arbeiten müssen“, erklärt Georg Rheinbay, Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie. Petra Reinbold-Knape, Bezirksleiterin der Gewerkschaft IG BCE, betont: Das „innovative Arbeitszeitmodell“ schaffe gute Bedingungen, „damit Arbeit bis zur Rente leistbar ist“.

Wann kann ich kürzertreten?

Das regelt die Geschäftsleitung in einer Betriebsvereinbarung mit dem Betriebsrat (falls nicht vorhanden: mit Arbeitgeberverband und Gewerkschaft). Laut Tarifvertrag darf der Fonds dafür eingesetzt werden, Mitarbeiter in einer oder mehreren der folgenden „Lebensphasen“ zu unterstützen:

• wenn sie Angehörige pflegen,

• wenn sie sich um ihre Kinder kümmern,

• wenn wenn sie nach mehreren Jahren Arbeit mit „besonderer Belastung“ eine „Entlastungszeit“ brauchen oder

• generell ab dem 60. Geburtstag.

Wohlgemerkt: Gefördert wird aus diesem Katalog nur das, worauf sich die Sozialpartner auf Betriebsebene einigen! Sie können Geld auch in „Langzeitkonten“ fließen lassen, die gemäß Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ früheres Ausscheiden finanzieren.

Was ist bei Pflege und Erziehung denkbar?

Für Betriebe, die sich dafür entscheiden, aus dem Fonds Familienzeiten zu finanzieren, gibt der Tarifvertrag folgenden Rahmen vor:

• Wenn jemand nach dem Pflegezeitgesetz wegen akuten Pflege-Notstands in der Familie eine zehntägige Freistellung beantragt, dann darf er dafür einmal in zwölf Monaten das volle Tarifentgelt erhalten. Laut Manteltarifvertrag werden nur zwei Tage bezahlt.

• Wenn jemand für einen längeren Zeitraum Angehörige pflegt und zu diesem Zweck „Pflegezeit“ mit reduzierter Arbeitszeit beantragt, darf er aus dem Fonds ebenfalls unterstützt werden: mit dem Tarifentgelt für zweieinhalb Stunden pro Woche.

• Im gleichen Umfang dürfen Fonds-Mittel eingesetzt werden, wenn jemand nach Auslaufen des Elterngelds zwecks Kinderbetreuung mit verminderter Stundenzahl arbeitet.

Wer erhält eventuell „Entlastungszeiten“?

Auch das entscheiden die Sozialpartner vor Ort. Jedenfalls wird es in Betrieben, die diese Option nutzen möchten, klare Regeln geben – so dass kein Neid geschürt wird und niemand als Drückeberger dasteht. Im Tarifvertrag ist die Rede von „Arbeitnehmergruppen, die über mehrere Jahre einer besonderen Belastung ausgesetzt sind, zum Beispiel Schichtarbeitnehmer“. Auch ihnen darf der Fonds zweieinhalb Stunden bezahlte Freistellung pro Woche finanzieren. Das geht auch gebündelt in Form bezahlter Freischichten.

Was geht für Leute ab 60?

Die Betriebe dürfen Mittel aus dem neuen Fonds auch dafür einsetzen, dass Teilzeit-Arbeit von 60-jährigen und älteren Beschäftigten noch aus einer zweiten Quelle gefördert wird. Zusätzlich zu den „Altersfreizeiten“ laut Manteltarifvertrag kann man dann die Wochenarbeitszeit entweder

• auf 80 Prozent reduzieren und bekommt 30 Prozent des ausfallenden Tarifentgelts aus dem Fonds bezahlt oder

• auf 50 Prozent reduzieren – dann wird der Entgelt-Ausfall je nach Schichtbetrieb-Belastung zu 40 Prozent ausgeglichen (Normalfall), zu 45 Prozent („Teilkonti“-Arbeitnehmer) oder sogar zu 50 Prozent („Vollkonti“).

Wie funktioniert der Teilzeit-Turbo?

Die Betriebsvereinbarung vor Ort kann die geförderte Teilzeit ab 60 (siehe vorige Frage) auch mit einer „modifizierten Altersfreizeit“ kombinieren. Das gilt dann verbindlich für alle Beschäftigten, sofern sie nicht bereits von der normalen Altersfreizeit (ab 57 beziehungsweise ab 55 bei „Vollkonti“) profitieren.

Teilzeit-Arbeit im Alter wird dann extrem attraktiv – weil der neue Tarifvertrag in diesem Fall die Altersfreizeit zum Ausgleich für den späteren Beginn erhöht und zusätzlich mit einem Bonus honoriert. Je nach Schichtmodell können Arbeitnehmer dann bei 50 Prozent Arbeitszeit mit 76 bis 85 Prozent Brutto rechnen.

Was ist jetzt der nächste Schritt?

Bevor der Tarifvertrag über „lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung“ Anfang übernächsten Jahres in Kraft tritt, wird es noch einmal eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und viele Informationsveranstaltungen in den Betrieben geben. Doch zunächst sind die Sozialpartner vor Ort am Zug: Sie haben jetzt ein Jahr Zeit, um herausfinden, wie man mit dem Geld aus dem Fonds – insgesamt 30 Millionen Euro pro Jahr – die Mitarbeiter optimal in ihrer Lebensplanung unterstützen kann. Und so die Arbeit bis zur Rente erleichtert. Im Jahr 2014, das wurde schon jetzt verabredet, nehmen Arbeitgeberverband und IG BCE dann das Gesamtergebnis in den Blick.

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