Energiewende macht Sorgen

Im Notfall kommt der Strom vom Dach


Biberach. Arthur Handtmann will beim Thema Energie auf Nummer sicher gehen. Der Seniorchef der gleichnamigen Firmengruppe lässt auf dem Dach einer neuen Lagerhalle am Stammsitz in Biberach drei Dieselmotoren mit Stromerzeugungsaggregaten installieren. Insgesamt haben sie eine Kapazität von sechs Megawatt.

Damit lässt sich Strom für etwa 13.000 Haushalte produzieren – oder ein Totalausfall in der Gießerei des Unternehmens verhindern: „Die Energie reicht, um die Öfen und Druckgussmaschinen kontrolliert herunterzufahren und einige wenige laufen zu lassen“, sagt der Firmenchef.

Kernkraftwerke werden abgeschaltet

Das Unternehmen investiert 5 Millionen Euro in diese Notfallversorgung. Diese Vorsichtsmaßnahme gegen Stromausfälle hält Handtmann für absolut notwendig. Seit die Politik die Energiewende vorgegeben hat und Kernkraftwerke abschalten lässt, macht sich der Unternehmenslenker häufig Gedanken darüber, ob die Versorgung für die kommenden Jahre zuverlässig ist.

Ein Stromausfall in der Gießerei hätte für das Unternehmen katastrophale Folgen: „Das 800 Grad heiße Aluminium darf niemals erkalten. Denn das würde die teuren Schmelz- und Dosieröfen, Druckgussmaschinen und -formen beschädigen“, erläutert Handtmann. Außerdem könnten Kunden nicht beliefert werden.

Die Existenz der Firmengruppe und die ihrer 2.800 Mitarbeiter würde auf dem Spiel stehen. Denn von den 600 Millionen Euro Gesamtumsatz stammen zwei Drittel aus den Gießereien im oberschwäbischen Biberach, dem sächsischen Annaberg und dem slowakischen Košice. In den drei Werken werden jährlich über 30 Millionen Aluminium-Gussteile mit einem Gesamtgewicht von 50.000 Tonnen hauptsächlich für die Automobil-Industrie gefertigt.

Das Problem: Auch zwei Jahre nach der Energiewende ist das deutsche Stromnetz historisch bedingt so ausgelegt, dass der Strom zentral und in der Nähe der Verbraucher von großen Kraftwerken erzeugt wird. In Baden-Württemberg sind das vor allem Kernkraftwerke.

Viele der bis 2022 abzuschaltenden Atommeiler stehen hier. Ersatz sollen vor allem Energie aus Wind und Sonne liefern. Doch diese notwendige Kraft ist nicht jederzeit verfügbar. Außerdem fehlen Leitungen, die den Strom beispielsweise von den Windparks in der Nordsee zu den Abnehmern im Süden liefern.

Ein echter Blackout konnte bisher verhindert werden

Seit dem Richtungswechsel in der Energieversorgung kam es allerdings bisher nicht häufiger als früher zu Stromausfällen: Die Bundesnetzagentur zählte 2011 wie auch in den Jahren davor etwa 200.000 Ausfälle, die länger als drei Minuten andauerten. Ein echter Blackout konnte aber verhindert werden, weil die Netzbetreiber Reservekraftwerke zugeschaltet haben.

Doch die Situation dürfte sich künftig verschärfen, weil einige Energieversorger auch Kohle- und Gaskraftwerke stilllegen wollen: Die rechnen sich nicht mehr. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) warnt bereits vor Versorgungsengpässen in Süddeutschland.

Um sein Lebenswerk abzusichern, wollte der 86-jährige Unternehmer sogar 20 Millionen Euro in ein Energiezentrum mit sechs Dieselmotoren und einem Tanklager von 500.000 Litern Diesel investieren. Damit wäre die Gießerei in Biberach bis zu fünf Tage energieautark gewesen.

Mit der jetzt gefundenen Lösung war der Senior erst einverstanden, nachdem die Hauptkunden zugesichert hatten, im Falle eines Stromausfalls nicht sofort abzuspringen.

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