Interview zum Bekleidungshandel

Im Geschäft schickt der Modehandel den Kunden bald auf eine Erlebnisreise

Gerd Oliver Seidensticker, Chef des Bielefelder Hemdenspezialisten und Präsident des Modeverbands German Fashion, erklärt, was die Industrie zusammen mit dem Handel tun kann, um wieder „up to date“ beim Kunden zu sein.

Gerd Oliver Seidensticker, Präsident des Modeverbands German Fashion. Foto: Werk

Gerd Oliver Seidensticker, Präsident des Modeverbands German Fashion. Foto: Werk

Einkauf per Smartphone: Der Kunde will alle Kaufkanäle nutzen. Foto: Fotolia

Einkauf per Smartphone: Der Kunde will alle Kaufkanäle nutzen. Foto: Fotolia

Düsseldorf. Die Probleme im Mode-Einzelhandel bekommen auch die mittelständischen Bekleidungshersteller zu spüren. AKTIV hat mit Gerd Oliver Seidensticker, Präsident des Modeverbands German Fashion, über mögliche Lösungen gesprochen. „Wir müssen wieder klare Markenbotschaften entwickeln“, fordert der Geschäftsführer des Bielefelder Hemdenspezialisten.

Wie schätzen Sie derzeit die Situation im Modehandel ein?

Einen solchen Einschnitt hat die Branche noch nicht erlebt. Die Wucht des Online-Handels mischt die klassischen Verkaufskanäle kräftig auf. Der Preisdruck durch die Billigkonkurrenz und die durch die digitale Technik gut informierten Verbraucher haben eine völlig neue Welt in den Läden geschaffen.

Warum konnte der Handel sich noch nicht darauf einstellen?

Weil er genau wie wir, die mittelständische Bekleidungs-Industrie, anderes im Auge hatte. Wir haben zusammen Flächen aufgebaut, unsere Prozesse schneller und effizienter gemacht. Letzteres war auch nötig. Aber dafür haben wir etwas aus dem Blick verloren. Nämlich das, was der Kunde eigentlich will.

Und das wäre?

Beim Einkauf alle Kanäle stationär wie auch online nutzen, sie miteinander vernetzen und das alles auf einfache und benutzerfreundliche Weise. Funktioniert das nicht, ist der Kunde schnell in der Online-Welt. Mit seinem Smartphone hat er die Macht übernommen.

Wie könnte denn der Einkauf in Zukunft konkret aussehen?

Der Kunde reist durch das Sortiment – im Shop wie online. Wir werden in Zukunft nicht mehr Ware, sondern einen Erlebniskauf anbieten. Dafür braucht es gute Verkäufer. Ist das Hemd gefunden, liegt daneben direkt die passende Krawatte. Fehlt gerade die Größe? Macht auch nichts. Dann wird das Hemd online bestellt und am nächsten Tag in die Filiale oder direkt nach Hause geliefert. Bezahlt wird dann online.

Was können Sie dafür tun, dass das auch klappt?

Wir müssen weg vom Markensammeln. Seidensticker hatte zum Beispiel vor 13 Jahren noch 16 Marken, heute sind es 2. Die sind mit einer tragenden Markenbotschaft versehen. Das erleichtert dem Kunden die Orientierung beim Einkauf. Vor Ort in den Shops könnten wir einiges übernehmen, zum Beispiel das Auffüllen der Regale. So hat das Personal dann genug Zeit, sich auf den Kunden zu konzentrieren. Dabei hilft vernetzte Technik. Wenn wir wissen, was online gewünscht wird, können wir in den Shops schnell reagieren und frische Ware platzieren. Wir müssen dabei garantieren, dass das Ganze reibungslos funktioniert. Dafür muss der Handel jedoch einige Hoheiten abgeben.

Glauben Sie, dass er das akzeptieren wird?

Ja. Industrie und Handel sind von jeher Partner und aufeinander angewiesen. Wir können neue Konzepte nur gemeinsam entwickeln und werden auch gemeinsam davon profitieren.


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