Müllverbrennung

Im Fegefeuer


Die Endstation für 16 Millionen Tonnen Hausmüll

Kamp-Lintfort. Der Mann, der dem Zeug da unten gleich wieder die Hölle heiß machen wird, sitzt in luftiger Höhe in einem ledernen Drehsessel und nippt am Kaffee, auch heiß.

Dann aber macht Werner Wettels ernst: Er greift zum Steuerhebel, draußen vor der dicken Glasscheibe senkt sich ein tonnenschwerer Greifer ­hinein in einen grauen, stinkenden Ozean aus – Müll!

„Ist wie beim Rühren im Salat“

Wettels ist Kranfahrer in der Müllverbrennungsanlage Asdonkshof im niederrheinischen Kamp-Lintfort. Bei ihm kommt an, was 500.000 Bürger zuvor in die graue Tonne gekloppt haben.

Sein Job: Das Müllmeer unter ihm mit seinem Stahlgreifer durchmengen, die richtige Mischung finden aus altem, trockenem und frischem, feuchterem Abfall. „Ist wie beim Rühren im Salat“, brummt er. Nur das es beim Müll nicht um Geschmack geht, sondern um den richtigen Heizwert.

Wenn die Mischung stimmt, lässt Wettels seinen Greifer zubeißen, mit sechs Tonnen Müll in den Klauen ruckt der in die Höhe und hievt die Hinterlassenschaft unseres Wohlstands ins Fegefeuer des Verbrennungsofens. Wettels Kommentar: „1.000 Grad, tschüss.“

Und tschüss – wenn das nur immer so einfach wäre mit unserem Abfall. Unsere Wohlstandsgesellschaft produziert ihn ja reichlich: Stolze 37 Millionen Tonnen Hausmüll pro Jahr werden laut Statistischem Bundesamt bei den Haushalten eingesammelt, die Zahl ist seit Jahren konstant.

Pro Kopf sind es 450 Kilo. Rund 140 Kilo entfallen auf Wertstoffe wie Verpackungen oder Glas, knapp 110 Kilo auf Bioabfälle, ein kleiner Restposten auf sonstige Abfälle wie Farbreste oder Batterien – den Löwenanteil aber stellt der Restmüll: rund 200 Kilo pro Kopf, 16 Millionen Tonnen.

So viel Strom wie ein Atomkraftwerk

Weil Restabfälle hierzulande seit 2005 nicht mehr unbehandelt auf Deponien gelagert werden dürfen, wandert der ­Inhalt der grauen Tonnen ins Fegefeuer der 70 Müllverbrennungsanlagen in Deutschland. „Sie sind fast ausgelastet, maximal können sie etwa 19 Millionen Tonnen Restabfall pro Jahr verarbeiten“, berichtet Vinzenz Schulte, Sprecher des Betreiberverbands ITAD.

Ordentlich ausgelastet ist gerade auch Werner Höwing, Operator in der Leitwarte des Müllofens Kamp-Lintfort. Bei einem der sechs riesigen Walzenroste seiner Verbrennungslinie sind ein paar Roststäbe gebrochen. Jetzt muss er nicht nur das gute Dutzend Monitore im Auge behalten, sondern auch das Reparaturteam koordinieren.

„Kommt vor“, brummt Höwing, gleich werde wieder alles normal funktionieren. „Bis dahin muss ich das Feuer nur irgendwie am Laufen halten.“ Sein Funkgerät quäkt, das Reparaturteam meldet sich, er soll die Linie wieder hochfahren. Der Operator greift zur Maus, ein paar Klicks.

Und dann dreht sie sich wieder, die gigantische Stahlwalze, die den Abfall mit zwölf Umdrehungen pro Minute ins ewige Feuer transportiert.

Die Energie aus der Müllverbrennung verpufft nicht ungenutzt. Sie treibt per Dampfdruck eine Turbine an, die Strom für 21.000 Haushalte liefert und weitere 9.000 Haushalte mit Fernwärme versorgt. „Natürlich ist der Wirkungsgrad geringer als der von hocheffizienten normalen Kraftwerken“, sagt Cornelia Bothen, Sprecherin der Anlage in Kamp-Lintfort. „Aber unsere Hauptaufgabe ist es ja auch, möglichst umweltverträglich Müll zu entsorgen.“

Die jährliche Stromproduktion aller deutschen Müllöfen summiert sich laut ITAD auf sieben Milliarden Kilowattstunden. Das entspricht etwa einem Kernkraftwerk.

Dioxin-Ausstoß praktisch auf null

Ihren Ruf als Umweltverpester sind die Müllverbrennungsanlagen mittlerweile losgeworden. „Früher galten sie mit Recht als Dreckschleudern“, sagt Martin Faulstich, Professor für Energietechnologie an der Technischen Universität München. Heute jedoch hätten die Anlagen „die weltweit besten Standards, besser als jedes Kohlekraftwerk“.

Bis in die 90er-Jahre machte vor allem der Ausstoß von giftigen Dioxinen die Müllöfen zu einer Entsorgungsalternative mit Makel. Doch das hat sich durch moderne Technik praktisch auf null reduziert. Jürgen Giegrich, Nachhaltigkeitsforscher am Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg: „Kamine und Kachelöfen sind in dieser Hinsicht viel problematischer.“

Mehr zum Thema: www.itad.de/itad/emisionen/index.html

 

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