Rationales Verhalten

Hohe Zahlen verführen unser Gehirn


Geldwert-Illusion hat große wirtschaftliche Folgen

Bonn. Spielen wir einmal Ta­rifverhandlung. Es gibt zwei Angebote. Zum Ersten 5 Prozent mehr Gehalt bei 4 Pro­zent Inflation, zum Zweiten nur 2 Prozent mehr bei 1 Prozent Preissteigerung. Welches Angebot nehmen Sie an?

Viele werden sich für das erste Angebot entscheiden, obwohl bei beiden die Kaufkraft gleich steigt, nämlich um 1 Prozent.

„Geldwert-Illusion“ nennen das die Fachleute. Unser Hirn gaukelt uns vor, dass uns viel Geld ein besseres Gefühl gibt als weniger Geld, auch wenn es in beiden Fällen gleich viel zu kaufen gibt.

Auf diesem interessanten Gebiet arbeiten der Wirt­schafts­wissenschaftler Professor Armin Falk und der Hirnforscher Professor Bernd Weber, beide von der Uni Bonn.

Wie sahen die Untersuchungen aus? „Wir haben unsere Versuchspersonen, es waren 24, mit zwei verschiedenen Situationen konfrontiert“, sagt Falk. „Im ersten Fall konnten sie nur wenig verdienen. Dafür waren die Produkte in einem Katalog, aus dem sie unter anderem CDs, Sonnencreme oder PC-Zubehör aussuchen mussten, sehr preisgünstig.“

Und der zweite Fall? „Da gab es 50 Prozent mehr Lohn, aber auch die Preise aller Produkte im Katalog waren 50 Prozent teurer.“ In beiden Fällen konnte man sich mit dem verdienten Geld also dasselbe leisten. Die Kaufkraft war gleich.

Bernd Weber fand am Hirn­scanner heraus: „Bei der Nied­riglohn-Version war eine be­stimmte Hirnregion weniger aktiv als bei der Hochlohn-Version. Bei hohen Löhnen und Preisen floss mehr Sauerstoff.“

Suchen Sie die Himbeere

Das Gaukel-Zentrum, weiß Weber jetzt, sitzt im „präfontalen Cortex“, also der vorderen Stirnhirnrinde. In unserem Foto etwa da, wo Sie über dem Auge die Himbeere entdecken.

„Dieser Teil unseres Gehirns versetzt uns bei positiven Erlebnissen in Hochstimmung“, sagt Weber. Und Falk ergänzt: „Wir haben bewiesen, dass sich der Mensch gerne von hohen Zahlen verführen lässt.“ Und das hat für den Alltag große Bedeutung.

„So ist es zu erklären, dass eine expansive Geldpolitik tatsächlich die Wirtschaft ankurbeln kann“, sagt Falk. Wenn also die Zentralbank Zinsen senkt und damit den Geldumlauf ankurbelt, ist das – zumindest für unser Gehirn – gut.

Falk und Weber haben nachgewiesen, dass für Menschen nicht nur der reale Geldwert von Bedeutung ist, sondern auch der nominale Geldwert, also der Nennwert einer Münze oder eines Geldscheins.

„Den Reiz der hohen Zahl“ nennt es Falk. Menschen wollen immer mehr, auch mehr Geld. Vielleicht ist es jetzt auch verständlich, warum sie sich wahlweise lieber für eine Ge­haltserhöhung von 5 Prozent bei einer 7-prozentigen Inflation entscheiden, statt bei stabilen Preisen eine 2-prozentige Einkommenskürzung zu akzeptieren.

Auf den Schein hereingefallen

Denn unsere vordere Stirnhirnrinde weiß nichts davon, dass ein hohes Preisplus unsere Waren im weltweiten Wettbewerb verteuert, so zu weniger Aufträgen und damit zu Arbeitsplatzverlusten führen kann. Da sind wir schon des Öfteren auf die „Geldwert-Illusion“ hereingefallen.

Viele Wirtschaftswissenschaftler sehen in dieser Geldwert-Illusion auch den Grund für spekulative  Blasen, etwa auf dem Immobilien- oder Aktienmarkt. Falk: „Bereits kleine Abweichungen vom rationalen Verhalten, also ein ,bisschen Geldwert-Illusion’, kann große wirtschaftliche Folgewirkungen haben.“

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang