Strafvollzug

Hinter Gittern


Mehr als Tütenkleben: Wie Gefängnisse zur verlängerten Werkbank der Wirtschaft werden

Gelsenkirchen. Heute hasst Tamer Kilicrslan, was er früher liebte. Was er liebte wie Millionen andere: den Feierabend. Normale Arbeitnehmer freuen sich dann auf ihre Familie, ein Bier auf Balkonien, Joggen im Park vielleicht.

Doch Tamer Kilicrslan ist kein normaler Arbeitnehmer. Für ihn heißt Feierabend: raus aus der Schlosserei, zurück in die Acht-Quadratmeter-Zelle. Tamer Kilicrslan (31) sitzt im Knast.

Dabei war doch alles mal ganz anders, ganz normal. Nach einer Schweißerlehre malochte der Deutschtürke mal hier, mal da. Die Arbeit war öde, der Verdienst mies, fand er. Dann kamen falsche Freunde, ein paar Diebstähle, schließlich Raubüberfälle.

Bis eines Tages die Handschellen klickten. Seit Mai 2011 sitzt er jetzt hier, Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen, hinter fünf Meter hohen Mauern und Stacheldraht.

Und das Einzige, was ihn rausholt aus dem Blues im Bau, ist die Arbeit an der Schweißmaschine in der Knastschlosserei. „Dann vergisst du, dass du einsitzt“, sagt er, „du machst deinen Job, hast eine Aufgabe, so wie draußen.“ Heute liebt Tamer Kilicrslan, was er früher hasste: die Arbeit.

Der Knast ist längst ein Konzern

Leben hinter Gittern: Laut Statistischem Bundesamt verbüßen derzeit rund 60.000 Häftlinge eine Freiheitsstrafe in den 195 deutschen Gefängnissen. Die meisten von ihnen sind Männer (94 Prozent), 38 Prozent aller Insassen

sind jünger als 30 Jahre. Dass der Knast kein Ponyhof ist, dürfte jedem klar sein. Weit weniger bekannt ist: Eigentlich ist der Knast längst ein Konzern! Mit 30.000 Mitarbeitern. Und einem geschätzten Jahresumsatz von 200 Millionen Euro.

Denn: Im Kittchen herrscht Arbeitspflicht. Maloche statt Müßiggang, das steht sogar im Gesetz. Weil aber nicht jeder Häftling in den Knastküchen oder -büchereien beschäftigt werden kann, gründen die JVAs verstärkt eigene Betriebe. Und werden zur verlängerten Werkbank der Wirtschaft.

Auch in Gelsenkirchen. In der Knastschlosserei, in der auch Tamer Kilicrslan acht Stunden täglich schweißt, herrscht lautstarke Betriebsamkeit. 30 Häftlinge fräsen und bohren, schrauben und nieten.

Sie machen Standaschenbecher und Spinde, Abluftrohre und metallene Mülleimer. Ein Teil davon deckt den Bedarf anderer JVAs. Der Anteil der von „draußen“ georderten Produkte aber wächst stetig.

„Mittlerweile haben wir uns als Zulieferer mittelständischer Metallfirmen etabliert“, sagt Elmar Dettmer-Prause, Leiter der Arbeitsverwaltung.

11 Euro Lohn pro Arbeitstag

In der Werkstatt nebenan wird das noch deutlicher. Auf topmodernen Maschinen produzieren 40 Häftlinge hier Teile für Gas- und Wasserarmaturen. Auftraggeber ist ein namhafter Hersteller, der sogar eigene Mitarbeiter täglich in den Knast schickt, um die Häftlinge anzuleiten. „Die Firma schätzt die Qualität der Arbeit, und wir können Auftragsspitzen schnell abfedern“, sagt Dettmer-Prause.

Klar ist auch: Die Auftraggeber schätzen nicht zuletzt die geringen Lohnkosten. Rund 11 Euro beträgt der durchschnittliche Häftlingslohn in Deutschland – pro Tag. Zwar dürfen die Haftanstalten keine Dumpingpreise anbieten, um Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht zu gefährden. Trotzdem sind die Rahmenbedingungen der Knastarbeit durchaus, nun ja, unternehmerfreundlich: Es gibt keine Lohnnebenkosten oder Sozialversicherungsbeiträge, keine Tarifverhandlungen, keine Urlaubstage. Und Streiks erst recht nicht.

Und so verwundert es nicht, dass die Haftanstalten immer offensiver um Aufträge buhlen. Quer durch alle Branchen, von der Holzverarbeitung über Textil, Metall, Papier. So hat Baden-Württemberg alle Knastbetriebe zertifizieren lassen. „Viele Haftbetriebe arbeiten für die Auto-Industrie, da geht nichts ohne Zertifikate“, sagt Patrick Herrling, Chef des „Landesbetriebs Vollzugliches Arbeitswesen“.

Gleiches Bild in Bayern: „Wir sind in der Lage, vielfältige Leistungen für Sie kostengünstig auszuführen“, werben die „Arbeitsbetriebe der bayerischen Justizvollzugsanstalten“ auf ihrer Internetseite. Und weiter: „Ihre verlängerte Werkbank, auf 90.000 Quadratmetern, als Alternative zur Produktionsverlagerung ins Ausland.“

Doch trotz allen betriebswirtschaftlichen Kalküls: Von der Vollbeschäftigung sind die Kittchen weit entfernt. Experten schätzen die Arbeitslosigkeit hinter Gittern auf etwa 50 Prozent. „Ein Riesenproblem“, sagt Elmar Dettmer-Prause in der JVA Gelsenkirchen. Denn auch wenn die erwirtschafteten Erlöse die Kosten für den Strafvollzug schmälern: Im Vordergrund der Knastarbeit steht nach wie vor die Resozialisierung.

Taschengeld für Tabak und Kaffee

„Wir gewöhnen die Gefangenen hier an einen normalen Arbeitsalltag, bereiten sie auf ein Leben nach dem Knast vor“, betont er. Die große Mehrheit der Häftlinge wolle zudem unbedingt arbeiten. „Und wenn es nur darum geht, Geld für Tabak und Kaffee zu verdienen.“

Das gilt auch für Sabine Schmidt (49), Häftling im Frauenblock der JVA Gelsenkirchen, Ex-Heroinjunkie, verknackt wegen Dealerei. Beschäftigt ist sie im kaufmännischen Eigenbetrieb der Anstalt, arbeitet dort am PC. „Natürlich ist  das Leben hier drin scheiße“, sagt sie. „Aber ohne Arbeit, nur auf Zelle – dann würde ich völlig durchdrehen.“


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Vom Rucksack bis zum Knacki-Kochbuch („Huhn in Handschellen“): Viele Knastprodukte gibt‘s online zu kaufen. Eine Shop-Auswahl:

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